36 Kohlemeiler könnten sofort abgeschaltet werden

Laut einer Greenpeace-Studie könnten 36 deutsche Kohlemeiler ohne Probleme mit einem Schlag vom Netz.

Wie die Umweltschutzorganisation Greenpeace gestern berichtete, könnten 36 der ältesten deutschen Kohlekraftwerke sofort abgeschaltet werden, ohne dass die Versorgungssicherheit davon gefährdet wäre. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie von Energy Brainpool im Auftrag von Greenpeace. Damit würde die Bundesregierung auf einen Schlag 70 Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen und so das Klimaschutzziel 2020 wahrscheinlich doch noch erreichen können.

36 deutsche Kohlekraftwerke mit einem Schlag abschalten – das klingt zunächst wie pure Utopie. Doch dem ist offenbar nicht so, zumindest nicht nach Daten einer Simulation zum deutschen Strommarkt, die das auf den europäischen Energiemarkt spezialisierte Unternehmen Energy Brainpool im Auftrag von Greenpeace durchgeführt hat. Energy Brainpool simulierte dabei, wie der europäische Strommarkt reagieren würde, wenn die Energieanbieter die in Deutschland herrschenden Überkapazitäten abbauen würden. Denn Fakt ist: in Deutschland sind derzeit weit mehr Kraftwerke am Netz, als eigentlich gebraucht werden. Konkret simuliert wurde für die Studie, was passieren würde, wenn 36 alte und CO2-intensive Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 15 Gigawatt abgeschaltet würden, und zwar alle auf einmal. 15 Gigawatt entsprechen dabei fast der Hälfte aller deutschen Braunkohlekraftwerke und einem Fünftel der Steinkohlekraftwerke.

Das Ergebnis ist überraschend: Offenbar käme es weder zu einem starken Anstieg der Strompreise noch zur Gefährdung der Versorgungssicherheit in Deutschland. So ließe die „Kohle-Notbremse“ den Börsenstrompreis nur geringfügig ansteigen, schreibt Greenpeace. Das hätte sogar einen Vorteil: Gaskraftwerke könnten wieder kostendeckend produzieren. Ihr Einsatz erhöhte sich laut Studie dementsprechend um 31 Prozent. Im Gegenzug würde die EEG-Umlage sinken. Haushalte würden daher für ihren Strom unter dem Strich nur 0,6 Cent pro Kilowattstunde mehr zahlen müssen.

Auch die Stromversorgung wäre durch das sofortige Abschalten der Kohlemeiler nicht in Gefahr, so das Ergebnis der Studie. Im Szenario von Energy Brainpool wandern die nicht mehr benötigten Kraftwerke in die sogenannte strategische Reserve. Das heißt, sie würden nur noch im Bedarfsfall Energie produzieren, beispielsweise wenn Engpässe herrschen. Doch die Simulation hat überraschenderweise gezeigt: es würde gar nicht zu Engpässen kommen. Laut Hochrechnungen würde in diesem Jahr keines der abgeschalteten Kohlemeiler zu Reservezwecken gebraucht, im Jahr 2023, wenn auch das letzte Atomkraftwerke endgültig vom Netz ist, würden lediglich vier Gigawatt Strom an sechs Tagen im Jahr zusätzlich benötigt.

Ein weitere Vorteil, der ein Abbau der Überkapazitäten hätte, wäre, dass so der europäische Strommarkt gestärkt werden könnte. Im Falle von Stromknappheit könnte mehr Strom aus anderen EU-Ländern importiert werden. So würde die Energiewende auch gleichzeitig als Motor für den von der EU-Kommission gewünschten europäischen Energiebinnenmarkt fungieren. Europaweit sänken die hohen deutschen Stromexporte und die -importe nach Deutschland nähmen zu. Die Bundesrepublik hätte so im Jahr 2015 eine ausgeglichene Import/Export-Bilanz. Europaweit würden insgesamt 35 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden, so das Ergebnis der Studie. „Deutschland muss aufhören, seine Nachbarländer mit dreckigem Kohlestrom zu überfluten. Gleichzeitig braucht es dringend eine konsequente europaweite Energiewende“, sagte Tobias Austrup, ein Energieexperte von Greenpeace in einer gestern veröffentlichten Pressemeldung.

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Doch der größte Vorteil liegt auf der Hand: Die „Kohlenotbremse“ wäre ein Meilenstein für den Klimaschutz. So könnte Deutschland durch diesen Schritt 70 Millionen Tonnen CO2 auf einen Schlag einsparen. Das Ziel, im Kraftwerksbereich 22 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich einzusparen, das Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel derzeit durch die Einführung einer umstrittenen Klimaschutzabgabe auf alte Kohlekraftwerke umsetzen will, wäre dann nicht nur erreicht, sondern bei weitem übertroffen. Das Erreichen des deutschen Klimaschutzziels, bis 2020 40 Prozent weniger CO2 als im Jahr 1990 zu emittieren, wäre durch die Maßnahme auch wieder in greifbarer Nähe.

„Deutschland kann ohne Probleme die Notbremse bei der Kohleverstromung ziehen“, sagte Austrup dazu. „Die Bundesregierung ginge damit einen konsequenten Schritt hin zu mehr Klimaschutz. Und sie würde die internationale Blamage vermeiden, die eigenen Klimaziele krachend zu verfehlen.“ Doch ob und wie die Bundesregierung auf die Ergebnisse der Studie reagieren wird, bleibt vorerst abzuwarten. 

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