Smart Grids schlagen mehrere Fliegen mit einer Klappe

Ende Oktober reisten Dr. John Kulick, Vorstand des IEEE-SA Standards Board und Manager Standardization bei der Siemens Corporation, und Bill Ash, Strategic Program Manager bei der IEEE Standards Association, zur Munich Cleantech Conference aus den USA an. Das CleanEnergy Project nutzte die Gelegenheit, um vor Ort mit den beiden Smart Grid-Experten zu sprechen.

Deutschland will die Energiewende. Doch um den Strombedarf hauptsächlich mit Hilfe erneuerbarer Energien zu decken, sind intelligente Netze, sogenannte Smart Grids, unabkömmlich. Einzelne Inselprojekte für Smart Grids werden bereits erprobt, doch die Implementierung eines deutschlandweiten Smart Grids scheint in weiter Ferne. Mancher Optimist glaubt dennoch daran, dass – wenn die Regierung sich intensiv für die Energiewende einsetzt – 100 Prozent erneuerbarer Strom in Deutschland sogar bis 2020 möglich wäre. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Dr. John Kulick: 100 Prozent Ökostrom bis 2020 ist sehr ambitioniert und ich wäre überrascht, wenn sich dies realisieren ließe. Heute liegt der Anteil von Ökostrom in Deutschland bei etwa 23 Prozent. Auch 30 Prozent ließen sich womöglich verwirklichen. Wir stehen aber noch immer vor großen Herausforderungen, was die Verfügbarkeit von erneuerbaren Energien betrifft. Will man 100 Prozent Strom aus regenerativen Energien, muss erst einmal das Problem der Energiespeicherung gelöst werden. Diese ist nämlich absolut essentiell, um beispielsweise die stakten Schwankungen der Solarstromproduktion auszugleichen.

Auch die Frage des Transports von Ökostrom ist noch nicht einhellig geklärt. Wie transportiert man den Windstrom möglichst effizient aus dem Norden Deutschlands in Regionen mit geringem erneuerbaren Energiepotenzial? Es muss also noch viel passieren, damit 100 Prozent erneuerbarer Strom Realität werden können. Dennoch zeigt gerade der enorme Ausbau der Photovoltaik in Deutschland, wie groß die Motivation in der Bevölkerung ist, die Energiewende voranzubringen. Und die Regierung kann diesen Ausbau beispielsweise mit Steuervergünstigungen weiter fördern.

Auf der Cleantech Conference heute sprachen wir aber in erster Linie über die Perspektive der Industrie: Bevor Energieversorger und Technologieunternehmen bereit sind, in die Entwicklung von Erneuerbare-Energien-Anlagen beziehungsweise Smart Grid-Lösungen zu investieren, wollen sie sicher sein, dass ihre Technologien im nächsten Jahr nicht bereits veraltet sind, weil sie dann womöglich mit anderen, neueren Technologien nicht mehr kompatibel sind. Aus diesem Grund werden Standards entwickelt. Diese Standards geben den Unternehmen die Sicherheit, dass heutige Lösungen auch mit späteren interagieren können. Auf diese Weise wird die Realisierung von Smart Grids und damit auch der Energiewende gefördert.

Wenn Smart Grids erst einmal Implementiert sind und der Strom aus regenerativen Energien kommt, die uns kostenlos zur Verfügung stehen – sinken die Energiekosten für den Verbraucher dann langfristig gesehen wieder?

Dr. John Kulick: Ich glaube schon, dass die Stromkosten langfristig wieder sinken werden. Kurzfristig werden sie aber erst einmal steigen. Denn jede neu eingesetzte Technologie ist anfangs teurer als bereits bestehende Systeme. Aber je mehr sich eine Technologie auf dem Markt durchsetzt, desto mehr sinken die Produktionskosten, wovon letztendlich auch der Konsument durch sinkende Preise profitiert. Man spricht in diesem Zusammenhang von sogenannten Skaleneffekten. Ich sehe keinen Grund, warum dies bei Erneuerbare-Energien-Anlagen sowie Smart Grid-Lösungen anders sein sollte. Aber kostenlos wird elektrischer Strom natürlich nicht werden. Der Wind weht zwar gratis, aber die Umwandlung des Windes in Elektrizität kostet nun einmal Geld.

In Ihrem Vortrag sprachen Sie davon, dass verschiedene Länder unterschiedliche Schwerpunkte bezüglich des Umbaus ihrer Stromversorgung stellen. So hat sich Indien dazu verpflichtet, eine flächendeckende, ununterbrochene Stromversorgung für seine Bürger bereit zu stellen. China fokussiert sich dagegen auf Ultra-Hochspannungsübertragung. Japan will die Photovoltaik wesentlich ausbauen und Nordafrika konzentriert sich auf Windkrafttechnologien. Sind Smart Grids in diesen Ländern denn ein ähnlich großes Thema wie in Deutschland?

Dr. John Kulick: Unbedingt. Auch wenn sich die Länder jeweils auf unterschiedliche Prioritäten fokussieren, sind sie doch alle mit einem wachsenden Strombedarf sowie Problemen mit der Sicherheit und Stabilität ihrer Stromnetze konfrontiert. Um ihre Einwohner zuverlässig mit Energie für deren tägliches Leben versorgen zu können, müssen sie die Vorteile, die Smart Grids ihnen bieten, nutzen. Mit der Implementierung von Smart Grids können sie die Effizienz, Verlässlichkeit und Qualität ihrer Stromversorgung verbessern.

Bill Ash: Ja, jedes Land, jede Region sieht das Smart Grid als Antwort auf ein spezifisches Problem beziehungsweise ein bestimmtes Ziel. Südkorea beispielsweise möchte mit Hilfe eines Smart Grids seinen CO2-Fußabdruck reduzieren. Das Land hat diesbezüglich sehr ambitionierte Ziele und hat daher in einem kleinen Rahmen ein Smart Grid-Pilotprojekt gestartet, das nun auch auf südkoreanische Megacities übertragen werden soll. China dagegen will seinen auf dem Land generierten Windstrom in die Großstädte transportieren und sucht nach passenden Ultra-Hochspannungsübertragungsmöglichkeiten. Und Indien hat sich vorgenommen, all seine Einwohner zuverlässig mit Strom zu versorgen. Momentan ist nämlich noch ein Drittel der Einwohner – also über 400 Millionen Menschen – vom Versorgungsnetz abgeschnitten. Hier sollen Microgrids Regionen mit bisher fehlender Infrastruktur mit Strom aus Solar- und Windkraftanlagen versorgen.

Wenn aber jedes Land ein anderes Ziel verfolgt, warum sind dann gemeinsame Standards überhaupt wichtig?

Dr. John Kulick: Obwohl die Länder unterschiedliche Anwendungen in unterschiedlichen Regionen einsetzen, basieren diese dennoch auf ein- und derselben Technologie. Wenn die Technologie aber die gleiche ist, ist es für deren Hersteller ein echter Vorteil, wenn es einen weltweit gültigen Standard für die Technologie gibt. Hier kommen wieder die vorhin erwähnten Skaleneffekte ins Spiel: Produziert beispielsweise eine internationale Firma Wechselrichter, geben ihr Standards die Möglichkeit, einen Wechselrichter zu konstruieren, der überall auf der Welt eingesetzt werden kann, da er mit anderen Komponenten interoperiert. Dadurch sinken wieder die Herstellungskosten und somit die Preise für den Verbraucher.

Bill Ash: Lassen Sie mich ein weiteres Beispiel geben: Deutschland konzentriert sich derzeit auf Solartechnologie, Indien ebenfalls. Beide Länder haben dabei unterschiedliche Bestrebungen – Deutschland will den Atomausstieg und Indien die flächendeckende Energieversorgung. In Indien müssen bei der Installation von PV-Anlagen die dort herrschenden Staubverhältnisse und hohen Temperaturen berücksichtigt werden. In Deutschland ist das nicht nötig. Aber da die Basistechnologie dieselbe ist, können Firmen, wenn es einen globalen Standard gibt, ein Produkt herstellen und einzelne Variationen einbauen. Das ist billiger als die Herstellung von zwei verschiedenen Produkten.

Können Sie mir ein Beispiel eines Standards nennen, der es geschafft hat, ein bestimmtes Geschäft zu beflügeln?

Bill Ash: Denken Sie an ihr Handy, ihren Laptop oder andere mobile Geräte, die Sie nutzen, um sich mit dem Internet zu verbinden. Sie öffnen diese, schalten sie an und loggen sich bequem von unterwegs aus über einen Hotspot im Internet ein. Verantwortlich dafür, dass Sie dies tun können, ist der IEEE 802.11 Standard. Egal ob ihr Gerät beispielsweise von Dell, IMB oder Apple ist, der Standard sorgt dafür, dass ihr Produkt mit dem WLAN kompatibel ist – in jedem Teil der Welt. Dieser Standard kommt also allen Herstellern von PCs, Laptops, Tablet PCs und ähnlichen Geräten zugute, die ihren Kunden WLAN-fähige Geräte verkaufen möchten, die sie überall einsetzen können.

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Und können Sie mir ein Beispiel nennen, wo das Fehlen eines Standards die Entwicklung einer bestimmten Branche hemmt?

Bill Ash: Ein Beispiel, über das wir heute auch auf der Munich Cleantech Conference gesprochen haben, ist die adäquate Speicherung von überschüssigem Strom aus erneuerbaren Energien. Es gibt zwar bereits einen Standard für Stromspeicher, dieser ist allerdings noch nicht erhältlich. Dadurch ist die Batterietechnologie noch sehr teuer. Sobald der Standard verfügbar ist, werden – aufgrund von Skaleneffekten – auch wiederum die Kosten für den Einbau von Batterien sinken. Ist das der Fall, kann eine größere Menge des volatilen Stroms aus erneuerbaren Energien genutzt werden. So käme die Energiewende einen großen Schritt weiter.

Vielen Dank für das Gespräch.

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