Querort-Architektur: Vorausschauende Baukunst für Mensch und Lebensraum

Jakob Böhme ist Architekt und Ziviltechniker in Österreich. Der Leiter des Architekturbüros Querort-Architektur setzt sich intensiv mit neuen Entwicklungen der modernen Architektur auseinander. Dies beinhaltet das Hinterfragen von Green Building ebenso wie die Durchleuchtung wesentlicher Grundsätze des Blue Building. Im Expertengespräch mit dem CleanEnergy Project plaudert der Vor- und Querdenker über seinen persönlichen Zugang zu einer nachhaltig orientierten Architektur, die Langlebigkeit antiker Bauwerke sowie über traditionelle Bauweisen. Ergänzend gelingt dem Fachmann der Brückenschlag zwischen gutem Essen und gutem Wohnen.

Querort-Architektur ist ein österreichisches Architekturbüro mit Hauptsitz in Graz. Das Team rund um Jakob Böhme bietet unter anderem die Planung und Ausführung von Einfamilienhäusern, Wohn- und Sonderbauten an. Bauherrenberatung sowie weitere Dienstleistungen rund ums Wohnen komplettieren das harmonisch aufeinander abgestimmte Angebot der Experten.

Herr Böhme, der gesamte Themenbereich rund um das zentrale Thema nachhaltige Architektur ist einem konstanten Wandel unterworfen. Welcher Denkweise fühlen Sie sich verbunden?

Bei meiner Arbeit bevorzuge ich lokal orientiertes Planen und Bauen mit Ressourcen aus nächster Umgebung. Dies schließt ein Energiebewusstsein bei Transportwegen und bei der Herstellung von Baumaterialien automatisch mit ein. Ebenso stelle ich dabei Überlegungen zur Wiederverwertung an. Es gilt, die notwendige Aufwandsenergie für die Herstellung, das Verbauen und das Entsorgen schon in der Planungsphase eines Gebäudes zu berücksichtigen. Dazu zählt auch die Berücksichtigung jenes Energieaufwands, der notwendig ist, um ein Gebäude in Betrieb zu halten.

Nachhaltigkeit ist heutzutage ein Modewort wie Feng-Shui, Green Building und Blue Building. Für mich bedeutet Nachhaltigkeit definitiv nicht, ein Gebäude mit einer verstärkten Wärmedämmung – die meist aus diversen Kunststoffen besteht – auszustatten und mit zusätzlicher Technik vollzustopfen, nur um die erforderlichen Werte des von der EU festgelegten Energieausweises zu erreichen und zu erfüllen.

Der derzeitig standardisierte Wandaufbau, bestehend aus Beton und einer Wärmedämmung aus Kunststoffen, ist und bleibt Sondermüll. Sollen und wollen wir unsere Welt wirklich mit dieser Bauweise zerstören?

Wir müssen daher wieder verstärkt mit essenziellen Elementen wie der Massivwand, dem Kastenfenster und dem Sonnenstand arbeiten. Nachhaltigkeit muss auch mit Langlebigkeit verbunden werden. Welches Gebäude, das heute gebaut wird, steht schlussendlich so lange wie ein altes Bauernhaus oder gar ein Amphitheater der Griechen oder eines der Römer? Welche Planung berücksichtigt überhaupt eine derartige Langlebigkeit?

Welche Bauweise inspiriert Sie derzeit am meisten?

Als Architekt tendiere ich zur traditionellen Bauweise und der damit verbundenen logischen Denkweise. Sehr beeindruckende Beispiele dafür liefert die traditionelle japanische Architektur. Die Konstruktion der japanischen Einfamilienhäuser verbindet wenig Fläche harmonisch mit einem hohen Nutzungsgrad. Diese Bauweise findet derzeit langsam Einzug in den europäischen Raum. Dies geschieht in Form von Mikrohäusern.

Meiner Meinung nach ist die Zeit für eine Neuorientierung der Architektur gekommen. Planung und Bauen müssen wieder verstärkt auf den Menschen, die lokalen Gegebenheiten sowie auf die endgültige Funktion des Bauwerks ausgerichtet werden.

Haben Sie dazu ein konkretes Beispiel?

Gegenwärtig plane ich ein Ferienhaus, das ökologisch und kostengünstig zugleich ausgeführt wird. Das entsprechende Konzept sieht vor, dass dabei ein Budget von 100.000 Euro nicht überschritten wird.

Bei diesem Haus steht der Wohnkomfort im Mittelpunkt. Holz, Lehm und Stroh spielen dabei eine zentrale Rolle. Darüber hinaus wird der Bau mit Materialien aus der unmittelbaren Umgebung ausgeführt.

Sie setzten sich stark für eine saisonale Küche und die damit verbundene kulinarische Abwechslung ein. Lässt sich hier eine Querverbindung zu Ihrer Vorliebe für eine regional orientierte Bauweise herstellen?

Gutes Essen und gutes Wohnen sollten zu den Grundprinzipien jedes Menschen zählen. Beides lässt sich verbinden, wenn beispielsweise bei der Planung eines Projekts bereits vorab berücksichtigt wird, welches Baumaterial in welcher Saison am leichtesten erhältlich ist. So sind etwa eine Strohdämmung oder Lehm – für den Verputz oder die Wände – nur mit größtem Aufwand im Winter verfügbar. Ganz zu schweigen von der Verbaubarkeit dieser Materialien in der kalten Jahreszeit. Sinnvoller hierfür ist die Zeit des Sommers.

Der Mensch muss wieder lernen, im Einklang mit seiner Umgebung zu leben. Ebenso gilt es, nicht ausschließlich nur auf Zeit und Schnelligkeit zu achten. Die Qualität ist der Quantität in jedem Fall vorzuziehen. Dies schließt die Förderung des traditionellen Handwerks automatisch mit ein.

Welches Haus oder welche Wohnung würden Sie auch als Geschenk dankend ablehnen?

Jegliche Art von Fertighaus oder die derzeit aktuellen „Wohnbauzellen“.

Herr Böhme, herzlichen Dank für das Gespräch.

Joachim Kern

Add comment