Modularer Holzbau mit PV für Flüchtlingsunterkünfte

Neue Wege für Flüchtlingsunterkünfte
Neue Wege für Flüchtlingsunterkünfte

Die Stadt Ravensburg setzt bei der Flüchtlingsunterbringung auf modularen Holzbau mit hohen Energiestandards, Solarstrom vom eigenen Dach und ausreichend Privatsphäre. Bei der Montage der Photovoltaikanlage packte ein Teil der neuen Bewohner kräftig mit an. Die bisherigen Erfahrungen sind gut.

„Wir suchten eine Alternative zu den Energieschleudern der Stahlcontainer“, sagt Reinhard Rothenhäusler. Leiter des Amtes für Architektur und Gebäudemanagement der Stadt Ra-vensburg. Auch deshalb entschied sich die Verwaltung im vergangenen August, als die erste große Flüchtlingswelle Deutschland erreichte, dazu, 28 Wohnungen in modularer Holzbauweise auszuschreiben. Diese sind vor allem zur Unterbringung von anerkannten Flüchtlingen gedacht, können jedoch später umgenutzt werden. Standard ist hierbei nicht nur die Energieeinspar-Verordnung (EnEV). Man setzt auch auf Eigenverbrauch: 90 Prozent des Energiebedarfs soll über Solarstrom vom eigenen Dach gedeckt werden.

Auf dem Flachdach des ersten zweigeschossigen Holzhauses mit acht Wohnungen in der Ravensburger Florianstraße ist eine zehn Kilowatt starke Photovoltaikanlage montiert. Der Solarstrom wird auch zur Warmwasserbereitung genutzt. Bei der Montage packten etliche neue Bewohner unter fachhandwerklicher Anleitung der Ravensburger Installationsfirma Sunworks kräftig mit an. 15 Flüchtlinge mit Montage- und elektrotechnischer Berufserfahrung wies Projektleiter Claus Scheuber an zehn Samstagen von Oktober bis Dezember ins Thema ein und zeigte den Umgang mit der Technik. Finanziert wurde das Praxisseminar über das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

„Der Ravensburger Oberbürgermeister Daniel Rapp (CDU) fand die Idee toll und unterstützte das Zustandekommen maßgeblich“, sagt Projektinitiator Scheuber. Der gelernte Vermessungstechniker arbeitete selbst mehrere Jahre in der Solarbranche, unter anderem in Westafrika, und engagiert sich nun in der Flüchtlingsarbeit. Elf der 15 Seminarteilnehmer seien zwischenzeitlich in Jobs oder Ausbildungen untergekommen oder befänden sich im Bewerbungsverfahren, freut sich der 59-jährige.

Die vorgefertigten Modulbauten aus heimischen Holz wurden von der Firma Bauer Holzbausysteme aus dem benachbarten Neukirch (Bodenseekreis) geliefert. Vier weitere Gebäude sollen in nächster Zeit fertiggestellt werden, eins davon in der Nachbarschaft, zwei davon im benachbarten Schmalegg und Bavendorf. Sie sollen ebenfalls mit Solarstromanlagen und Wärmepumpen ausgerüstet werden. Ziel sei es, den Energiestandard eines KfW 70 Hauses zu erreichen, so Rothenhäusler. Prämisse sei es, das Bedürfnis der Menschen nach einem ordentlichen Angebot für Wohnen und Schlafen zu erfüllen, allerdings weit entfernt von jeglichem übertriebenem Luxus.

Maximal sechs Bewohner teilen sich auf 45 Quadratmetern zwei Zimmer plus Wohnküche, Bad und Abstellraum. Die Toiletten sind auch mit Bidets ausgestattet, um den kulturellen Gewohnheiten der Bewohner entgegenzukommen, die häufig nicht gewohnt sind Toilettenpapier zu benutzen. Eine Wohnung wurde zudem zur Nutzung als Gemeinschaftsraum für Sprachunterricht und zur Unterbringung von Betreuern vorgesehen. Auch soll ein Kinderspielplatz angelegt werden, um das Miteinander mit Anwohnern zu fördern. „Die bisherige Resonanz ist sehr positiv“, unterstreicht Rothenhäusler.

Die modulare Bauweise sei jedoch auch deshalb gewählt worden, um die Gebäude später auch für günstiges Wohnen für Studenten oder einkommensschwächere Familien nutzen zu können. Zudem sei der jetzige Standort für eine Umgehungsstraße vorgesehen und die Holzbauten könnten dann bei Bedarf abgebaut und woanders errichtet werden.

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Mit schlüsselfertigen Kosten von rund 1.700 Euro pro Quadratmeter inklusive Haustechnik (zzgl. Grundstück und Anschlusskosten Strom und Wärme) seien die Holzbauten zwar deutlich teuer als Stahlcontainer mit rund 1.200 Euro pro Quadratmeter, so Jörg Bauer, von dem gleichnamigen Holzbauunternehmen. Doch seien die Folgekosten aufgrund der höheren Langlebigkeit und der besseren Energieeffizienz deutlich geringer. Finanziert wurden die Gebäude sowie die Solarstromtechnik zum Großteil aus eigenen Mitteln der Stadt Ravensburg. Diejenigen Bewohner, die Arbeit gefunden haben, zahlen auch die reguläre Miete, 245 Euro „warm“ pro Person.

Zahlreiche Gemeinden interessieren sich für das Konzept. „Wir arbeiten rund um die Schicht“, sagt Bauer. 80 Bestellungen von Kommunen aus ganz Deutschland hat er momentan in seinen Auftragsbüchern. Mittlerweile hat er drei anerkannte Flüchtlinge und einen Asylbewerber bei sich beschäftigt, drei davon als Zimmerleute. Mit „allerbesten Erfahrungen“, so der Firmenchef.

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