Die unendliche Leichtigkeit des Online-Shoppings

Shopping

Der Online-Handel verzeichnet seit Jahren ein ungehemmtes Wachstum. Immer mehr Menschen bestellen ihre Waren im Internet. Versandhäuser wie Amazon oder Zalando lassen den klassischen Einzelhandel weit hinter sich zurück. Das Angebot ist schier unermesslich: Ob Bücher, Kleidung, Elektroware, ja sogar Arzneimittel oder andere ausgefallene Artikel – nahezu alles ist in der unendlichen Fülle des World Wide Web zu haben. Nur ob das Ganze auch umweltfreundlich ist, daran gibt es erhebliche Zweifel.

DHL, der Paketzusteller der deutschen Post, erklärt, ein normales mittelgroßes Paket verursache im Schnitt 500 Gramm CO2. Das erscheint zunächst einmal unschlagbar günstig. Fahre man etwa mit dem Pkw zum nächsten Buchladen, so komme man mit den 500 Gramm CO2 gerade einmal 3,5 Kilometer weit. Das Ökoinstitut kalkuliert mit rund 700 Gramm CO2 pro Online-Paket, gegenüber 2.400 Gramm CO2 für eine durchschnittliche Einkaufstour mit dem Auto. Nun fahren nicht alle zum Einkaufen mit dem Auto, insofern ist das kein schlagkräftiges Argument. Aber selbst wenn sie es täten, wäre die Klimabilanz von Internetbestellungen nicht unbedingt besser als die von Direkteinkäufen.

Zunächst einmal muss so eine Internetbestellung ja verpackt werden, und das möglichst sorgsam, damit sie auch heil beim Kunden ankommt. Je nach Packungsinhalt kommt dabei unterschiedlich viel Material zusammen. Kathrin Hesse, Ökobilanziererin am Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik, weist darauf hin, dass die Ökobilanz von Online-Einkäufen für jedes Produkt einzeln errechnet werden muss. Denn eine Waschmaschine etwa sei schwerer als ein Buch und benötige weit mehr Material. Hinzu komme die Frage nach der Art der Verpackung, ob etwa Recycling-Materialien eingesetzt werden. Viele Online-Shops verwenden Einheitskartons für die Verpackung, unabhängig von der Größe des Versandartikels. Um Material einzusparen und die Transportfahrzeuge optimal zu nutzen, sollten die Kartons idealerweise den Inhalten angepasst werden.

Hier kommt auch gleich das nächste Problem ins Spiel: die Zustellung. Dabei zeigt sich, wie stark ein Vergleich mit Pkw-Einkaufsfahrten hinkt. Denn Zustellfahrten laufen anders ab als normale Autofahrten, wie Christiane Geiger von der TU Dortmund erklärt, die dort ein Werkzeug erstellt hat, mit dem Logistiker ihre eigene Ökobilanz berechnen können. Zustellfahrzeuge haben vor allem in städtischen Verdichtungsräumen viele Anfahrtspunkte und müssen dementsprechend oft halten. Bei diesem Stop-and-Go-Verkehr wird mehr Sprit verbraucht, als bei einer normalen Fahrt. Hinzu kommt, dass Waren aus Online-Versand häufig mehrfach zugestellt werden müssen, weil die Empfänger nicht zu Hause sind. Zwei- und Dreifachzustellungen sind keine Seltenheit. Hier könnte ein Benachrichtigungssystem Abhilfe schaffen, und nicht nur Emissionen, sondern auch Kosten für die Versandhändler sparen.

Ein wirklicher Minuspunkt von Online-Bestellungen aber sind die Retouren. Jeder dritte Online-Einkauf wird im Schnitt zurückgesandt – weil er nicht gefällt, nicht passt, anders aussieht, als am Bildschirm, und so weiter. Vor allem im Bekleidungssektor ist die Retourquote enorm, werben doch viele Häuser geradezu mit der Möglichkeit, alles was nicht passt, bequem und kostenfrei zurückzusenden.

Portale wie Zalando kommen auf eine Retourquote von sage und schreibe 70 Prozent. Im gesamten Modesektor liegt die Quote bei rund 50 Prozent, bei Elektronikartikeln etwas niedriger. Für die Online-Händler lohnt sich das Geschäft immer noch, nicht aber für die Umwelt. Nur die Kombination von Einzelhandel und Online-Shopping könne eine klimatisch angemessene Lösung sein, sagt Keith Ulrich, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Athenga, das Klimabilanzen erstellt. Ulrichs Vorschlag, um die Retouren zu reduzieren: die Stadt zum Showroom zu machen. Kunden könnten die Waren im Laden anprobieren und sie abends aus einem stadtnahen Warenzentrum liefern zu lassen. Das klingt nun auch wieder leicht bizarr. Wenn man schon mal da ist, kann man die Waren schließlich auch gleich mitnehmen. Der Vorteil aber, so Ulrich, ist, dass man ein Einkaufserlebnis hat und gleichzeitig innerhalb der Städte nicht mehr so große Mengen von Waren vorgehalten werden müssten, was den Flächenverbrauch deutlich reduziert. Eine kompakte und zentrale Lagerhaltung wirkt sich wiederum positiv auf den Energieverbrauch aus: große Lager verbrauchen in der Regel weniger Strom und Heizenergie und sind deutlich energieeffizienter als die Aufbewahrung im Ladengeschäft.

Ob das ein tragkräftiges Argument für notorische Online-Shopper ist, sei dahingestellt. Die wenigsten shoppen schließlich online wegen des geringen Warenkontingents im Laden und der Energieersparnis. Vielmehr genießen viele die schier unbegrenzte Vielfalt von Angeboten, das stressfreie Einkaufsvergnügen und die Zeitersparnis, die Online-Shopping verspricht. Wer aber ohne schlechtes Gewissen einkaufen möchte, der fährt nach wie vor am besten mit dem klassischen Einzelhandel. Wer dann noch eine Einkaufsfahrgemeinschaft bildet, den ÖPNV nutzt, mit dem Rad fährt oder zu Fuß geht, der kann sich eigentlich kaum mehr vorwerfen lassen, nicht klimabewusst zu shoppen.

Josephin Lehnert

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