Treibstoff der Zukunft

Unser Nachbarland Österreich setzt mit seinem Europäischen Zentrum für erneuerbare Energie (EEE) in Güssing ganz neue Akzente in Sachen Biotreibstoffe. Bereits 1990 fasste der Güssinger Gemeinderat einen monumentalen Entschluss: Der Ausstieg aus der fossilen Energieversorgung zu 100 Prozent! Eine Vision, die damals nur belächelt wurde, heute jedoch die einst arme Region zu einem Vorreiter im Punkt autarke Energieversorgung macht.

Natürlich stellte das ehrgeizige Vorhaben die Güssinger immer wieder vor Probleme und Konflikte. So etwa beim Biotreibstoff, der schon seit Anfang der 90er Jahre im regionalen Rahmen produziert und genutzt wurde. Nach dem starken Anstieg der Nachfrage durch die Beimischungsverordnung von Biokraftstoffen zu fossilen Kraftstoffen, funktionierte das einst so perfekte regionale System nicht mehr. Der Druck auf die Rohstoffproduzenten wurde immer höher, die Preise ebenfalls, somit eine nachhaltige Rohstoffproduktion nicht mehr möglich und führte zum Rohstoffimport.

Die daraus entstehenden Konflikte sind wohl allen geläufig und werden immer wieder massiv diskutiert und kritisiert. Biokraftstoffe der ersten Generation stehen in starker Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion und genau hier setzt das EEE mit Partnern aus dem In- und Ausland an. Die Burgenlander haben mit synthetisch hergestellten Biokraftstoffen eine Alternative mit enormem Wirkungsgrad gefunden, die nicht mit der Nahrung konkurriert.

Synthetische Treibstoffe, die aus Biomasse gewonnen werden, basieren auf Abfallprodukten aus Land- und Forstwirtschaft und kommen daher nicht in Konflikte mit Nahrungsmitteln und Anbauflächen. So wird beispielsweise beim Weizenanbau das Korn selber für die Nahrungsmittelproduktion genutzt und der Rest der Pflanze kommt als Abfallprodukt der Treibstoffproduktion zugute.

Die Produktion von synthetischen Treibstoffen der zweiten Generation erfolgt in Europa derzeit allerdings auf zwei unterschiedlichen Strategien. Wo Shell, VW und Mercedes den Weg der Großanlagen gehen, die mit der Problematik von Wirkungsgrad (40 Prozent) und Biomasselogistik zu kämpfen haben, geht Güssing den Weg des geringsten Widerstandes. Mit dezentralen Kleinanlagen erzielen sie einen Wirkungsgrad von 85 Prozent und umgehen den logistischen Aufwand durch die kurzen Anlieferungswege der örtlichen Produzenten. Ein weiterer Vorteil des Güssinger Modells fällt zudem ins Auge und macht es so einzigartig.

Durch biologische Vergasung der Energiepflanze, dessen Reinheitsgehalt noch über dem fossiler Treibstoffe liegt, wird ein Produktgas erzeugt, aus dem in der Güssinger Forschungsanlage durch weitere Syntheseprozesse flüssige und gasförmige Treibstoffe erzeugt werden können. Das „nebenbei“ gewonnene Gas kann ins Erdgasnetz eingespeist werden und lässt sich so beliebig weitertransportieren, was wiederum den hohen Wirkungsgrad erklärt. Mit dieser Umwandlungsmöglichkeit von Biomasse in ein Produkt-Gas können demnach sämtliche für die Region nötigen Energieformen erzeugt werden.

Experten sind sich dabei einig, dass die Treibstoffe der zweiten Generation die biologischen in naher Zukunft ersetzen werden, ob sich dabei das Güssinger oder das Europäische System durchsetzt, wird sich zeigen.

Judith Schomaker

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