Nutzung von Energie aus Biomasse ethisch verwerflich?

Kein Bereich der erneuerbaren Energie steht so sehr in der Kritik, wie die Nutzung von Biomasse: Der Anbau von Energiepflanzen verdränge den Anbau von Nahrungsmitteln und mache diese dadurch unverhältnismäßig teuer. Er beeinträchtige darüber hinaus das Landschaftsbild und führe zu Monokulturen, so die weitverbreitete Meinung in der Bevölkerung.

Das Problem bei dieser Diskussion: Sie ist „zu einem guten Teil von Halbwissen, Voreingenommenheit, Emotionalität und gegenseitigem Misstrauen geprägt“, wie Michael Zichy, Christian Dürnberger, Beate Formowitz und Anne Uhr et al. in der Studie „Energie aus Biomasse – ein ethisches Diskussionsmodell“ schreiben. In ihrem gemeinsamen Buch führen die Wissenschaftler des Institutes Technik-Theologie-Naturwissenschaften in München sowie des Technologie- und Förderzentrums in Straubing eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den ethischen Aspekten der Bioenergie. Die Arbeit versteht sich dabei als Leitfaden für eine individuelle Beurteilung verschiedener Bioenergieprojekte.

Energiegewinnung aus Biomasse sei, so die Wissenschaftler, als landwirtschaftliche Praxis zuallererst hinsichtlich zweier Verantwortungsbereiche zu diskutieren: Hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die nichtmenschliche Umwelt (umweltethische Dimension), wie auch hinsichtlich ihrer Konsequenzen für die Mitmenschen (sozialethische Dimension). Gerade in der Debatte um Energie aus Biomasse zeige sich jedoch, dass neben diesen ethischen Erwägungen auch kulturell-historische Wertvorstellungen und Anschauungen (kulturelle Dimension) in der gesellschaftlichen Bewertung und Diskussion eine zentrale Rolle spielen.

Umweltethische Diskussion

Bei der umweltethischen Diskussion werden die Auswirkungen der Bioenergienutzung auf Boden, Wasser, Luft, Klima, Biodiversität und Pflanzen betrachtet. Die Autoren kommen in der Studie zu dem Schluss, dass es aus umweltethischer Sicht unerheblich ist, ob ein Landwirt Nahrungsmittel oder Energiepflanzen anbaut. „In beiden Fällen haben dieselben Kriterien des Umweltschutzes zu gelten.“

Ob ein Bioenergieprojekt aus umweltethischer Sicht also zu befürworten oder abzulehnen ist, hängt beispielsweise individuell davon ab, wie viel Dünge- und Pflanzenschutzmittel eingesetzt wird, wie viele Treibhausgase die Arbeitsmaschinen verursachen und ob Fruchtfolgen eingehalten werden. Auch die eingesetzten Bioenergietechnologien und deren Auswirkungen auf die Umwelt spielen hier eine große Rolle.

Sozialethische Diskussion

In der sozialethischen Diskussion stehen beispielsweise die Auswirkungen der Nutzung von Bioenergie auf das Wohlergehen der Landwirte, Energiekonsumenten, Mitmenschen, Steuerzahler und zukünftigen Generationen im Mittelpunkt des Interesses. Auch hier lehnen die Wissenschaftler eine Verallgemeinerung strikt ab. „Die Gewinnung und Nutzung von Energie aus Biomasse ist derart stark orts-, struktur- und anbauspezifisch, dass ihre Auswirkungen auf die Mitmenschen stark differenzieren.“

Darüber hinaus sind sich die Autoren einig, dass sich die Verantwortung für unvorhergesehene Auswirkungen auf globaler Ebene – zum Beispiel die Verknappung bestimmter Lebensmittel – „nicht primär dem einzelnen Akteur zuschreiben lässt, sondern dass es sich vielmehr in erster Linie um den Verantwortungsbereich der nationalen wie vor allem der internationalen Politik handelt.“

Stattdessen fordern die Autoren dazu auf, im Hinblick auf die Nahrungsmittelsicherheit nicht nur den Anbau von Energiepflanzen zu thematisieren, sondern auch die Lebensführung in den Industriestaaten – beispielsweise den verschwenderischen Umgang mit Lebensmitteln – generell kritisch zu diskutieren. Außerdem weisen sie darauf hin, dass nicht nur die Bioenergieproduktion in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen kann, sondern dass dasselbe auch für  Verkehrs-, Siedlungs-, Industrie-, Wald- und Naturschutzflächen sowie für den Anbau von Tabak und Futtermitteln, die nicht für die Ernährung von Nutztieren (sondern zum Beispiel für Haustiere) gedacht sind, gilt.

Kulturelle Diskussion

Die kulturelle Diskussion behandelt unter anderem den Symbolgehalt von Kulturpflanzen, die gesellschaftliche Rolle der Landwirte als Bereitsteller von Nahrungsmitteln, die Landschaft als Kulturgut, den Wert der Natürlichkeit sowie die Technikskepsis in der Wahrnehmung der Landwirtschaft. Den kulturellen, historischen oder auch ästhetischen Anschauungen schreiben die Wissenschaftler allerdings nur einen vagen Verpflichtungscharakter zu. Sie fragen sich:„Warum heißt das Zauberwort in anderen Wirtschaftsformen ‘Fortschritt‘, während von der Landwirtschaft oftmals das genaue Gegenteil, nämlich Stillstand und Beschaulichkeit erwartet wird?“ Ihre Vermutung ist, dass die Landwirtschaft als besonderer, ursprünglicher und idyllischer Berufsstand angesehen und die Nutzung von Bioenergie dagegen als neu und hochtechnisiert empfunden wird.

Den Landwirten empfehlen sie daher, kulturelle Vorbehalte und Anschauungen zu berücksichtigen. Hierunter fällt zum Beispiel, dass sich der Landwirt bei der Auswahl zweier gleichwertiger Pflanzenarten für die regionaltypische entscheidet.

Die Studie „Energie aus Biomasse – ein ethisches Diskussionsmodell“ erschien 2011 im Vieweg+Teubner Verlag und ist für 29,95 Euro im Buchhandel erhältlich.

Corinna Lang

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