Hoffenheim punktet mit dezentralter Energiewirtschaft

Elefantengras

Landläufig als Chinaschilf oder Elefantengras bezeichnet, gewinnt Miscanthus giganteus aus der Familie der Süßgräser mehr und mehr an Bedeutung als Energiepflanze. Längst ist das schnellwachsende Schilfgras nicht mehr ausschließlich der attraktiven Gestaltung von Gärten vorbehalten, sondern vermehrt auf Äckern anzutreffen – hier allerdings nicht als Eyecatcher, sondern als umweltfreundlicher Energielieferant. Kein Wunder, denn es wartet mit einer ganzen Reihe an Vorteilen auf.

Miscanthus ist die geborene Energiepflanze: Es steht nicht in Konkurrenz zu Nahrungsmitteln, ist pflegeleicht und robust, ist perennierend (muss nur einmal gepflanzt werden und treibt immer wieder aus) und düngt sich durch die herabfallenden Blätter selbst. Außerdem wächst es in rasanter Geschwindigkeit und liefert dabei deutlich mehr Trockenmasse, als die beliebte Energiepflanze Raps. Hinzu kommt, dass Miscanthus als C4-Pflanze auch dann noch wachsen und somit CO2 verarbeiten kann, wenn C3-Pflanzen (Raps, Hanf, Getreide) ihre Spaltöffnungen schließen, nämlich nachts oder bei trockenem, heißen Wetter. Dennoch wagen sich Landwirte nur sehr zaghaft an die Energiepflanze Chinaschilf heran.

Wesentlich mutiger ist Markus Heß aus Hoffenheim, einem kleinen 3.200-Seelen Dorf nahe Heidelberg, das erstmals durch seinen Fußballverein überregionale Bekanntheit erlangte. Jetzt sorgt das Dorf auch in der Miscanthus-Bundesliga für Aufsehen. Auf hügeligen 30 Hektar baut der junge Landwirt Chinaschilf an und erntet jedes Jahr 15 bis 20 Tonnen Trockenmasse pro Hektar. Bei der Ernte gibt das Schilfgras das 15-fache der beim Anbau eingesetzten Energie zurück, bei Raps ist es nur das Doppelte und bei Mais das Fünffache. Ein Hektar Chinaschilf liefert bis zu 8.000 Liter Heizöl-Equivalent, Raps bringt es nur auf 3.000 Liter, denn im Gegensatz dazu ist Chinaschilf schon bei der Ernte so trocken, dass es sich direkt weiterverarbeiten lässt.

Und das macht Heß auch. In seinem Schilfgras-Kraftwerk, mit dem er bislang 700 Haushalte versorgt. Zu wesentlich günstigeren Preisen versteht sich, denn gegenüber Erdgas und Erdöl können die Energiekunden bis zu 25 Prozent sparen. Das ist aber längst nicht der einzige Vorteil, den das Hoffenheimer Schilfgras-Kraftwerk zu bieten hat. Die rund 350.000 eingesparten Liter Heizöl haben besonders für die Umwelt einen positiven Effekt. Es werden mehrere Tonnen Treibhausgas vermieden und das Restprodukt, die Asche, wird über das Ausbringen auf den Äckern wieder dem natürlichen Kreislauf zugeführt.

Eine echt runde Sache, bei der sich nicht nur Landwirt Heß fragt, warum so viele deutsche Bauern immer noch lieber Raps oder Mais, als Miscanthus zur Biomassegewinnung anbauen. Deutschlandweit werden gerade einmal 3.000 Hektar Ackerfläche mit Miscanthus bestellt, dafür aber fast eine Million Hektar Raps und mehr als zwei Millionen Hektar Mais angebaut. Dabei ist der Ertrag von Schilfgras enorm hoch und über Jahre hinaus eine konstant kalkulierbare Größe beim Kraftwerksbetrieb, da nur im ersten Jahr nach der Anpflanzung ein Minimum an Pflanzenschutzmitteln benötigt wird und die Pflanze danach praktisch nur noch jährlich geerntet werden muss – für die „Pflege“ sorgt die Natur selbst.

Judith Schomaker

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