Biomasse neu entdeckt

Strohballen

Der wirtschaftliche Betrieb vieler Biomasseheizkraftwerke wird immer schwieriger. Zu wenig Altholz hat die Preise für das Kraftwerksfutter in den vergangenen Jahren deutlich ansteigen lassen. Händeringend wird nun nach Alternativen gesucht. Das Bioenergiekraftwerk Emsland scheint den perfekten Ersatz gefunden zu haben.

Noch in diesem Jahr soll das Pilotprojekt Strom ins Netz speisen und gleichzeitig Prozesswärme an die benachbarte Fabrik liefern – als erstes und derzeit einziges Strohheizkraftwerk in Deutschland. Etwa 56 Millionen Euro verschlingt das Projekt, bis es endlich soweit ist. Sechs Millionen kommen aus dem staatlichen Topf. Dafür soll das Kraftwerk in Emlichheim jedes Jahr 65.000 Megawattstunden Strom einspeisen. Um die dafür benötigte Energie zu erzeugen, sind rund 75.000 Tonnen Stroh nötig. Eine feine Sache, denn die Einnahmen aus der Stromproduktion sind längst nicht alles, was der Betreiber auf seiner Habenseite verbuchen kann. Rund die Hälfte der Einnahmen erzielt das Kraftwerk aus der Wärmelieferung. Das Pilotprojekt soll sich damit nach neun bis zehn Jahren amortisiert haben und eine Konkurrenz zur Nahrungsmittelindustrie bildet es dabei nicht. Auch die Flächenverdrägung, wie sie etwa beim Anbau von Raps vorherrscht, ist beim Getreideanbau nicht gegeben. Zu guter Letzt ist Stroh noch ein wunderbarer Heizstoff, der mit seinem Heizwert zwischen dem von Holz und Holzpellets liegt – und in Hülle und Fülle vorhanden ist.

Einen kleinen Haken hat die Idee jedoch. Nicht jeder Standort ist für die Errichtung eines Strohheizkraftwerks geeignet. Damit das Heizmaterial Stroh tatsächlich günstig ist und bleibt, muss das Kraftwerk in ländlicher Lage stehen. Kurze Wege vom Feld bis ins Kraftwerk lautet das Zauberwort. In Emlichheim kein Problem, dort ist reichlich Landwirtschaft in der Kraftwerksumgebung vorhanden. Lieferverträge mit über 100 Landwirten wurden bereits geschlossen. Damit sie auch garantiert die vereinbarten Mengen abliefern und ihr Stroh nicht etwa anderweitig verkaufen, hat man sie kurzerhand als Kommanditisten am Kraftwerk beteiligt. Das zweite Problem ist ein Wärmeabnehmer, der in Kraftwerksnähe zu finden sein muss, damit sich die ganze Geschichte rechnet. Immerhin bringt die Wärmelieferung gut die Hälfte der Einnahmen in die Kasse des Kraftwerks. Im emsländischen Emlichheim ebenfalls kein Problem, denn dort nimmt die benachbarte Stärkefabrik die Wärme gerne ab.

Ein winziger Knackpunkt bleibt aber noch. Pferdebesitzer, Reitschulen und Pensionsställe dürften sich über das neue Kraftwerksfutter sicherlich nicht freuen. Stroh ist dank der zahlreichen Maiswüsten in vielen Gebieten ohnehin schon zu einem wahren Luxusgut geworden. Wird jetzt das wertvolle Gut noch in großen Mengen an Biomasseanlagen verfüttert, hält sich die Begeisterung über das neue Kraftwerk in der Pferdewelt sicherlich in Grenzen. Immerhin könnten mit den verheizten 75.000 Tonnen Stroh mehr als 20.000 Pferde ein Jahr lang mit Stroh versorgt werden.

Judith Schomaker

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