Deutschlands Problem mit der Braunkohle (Teil 2)

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Braunkohle Problem
Braunkohle Problem

Die Kohleverstromung macht noch immer den Löwenanteil am deutschen Energiemix aus. Das bringt eine Menge Probleme mit sich und gefährdet die deutschen Klimaschutzziele. Im 2. Teil des Gastbeitrags “Kryptonit für die Klimaziele: Deutschlands Problem mit der Braunkohle” beleuchtet Bernd Weidmann von wind-turbine.com mögliche Lösungsansätze für einen erfolgreichen Kohleausstieg und stellt Infrage, ob die Bundesregierung mit der geplanten Kraftwerksreserve den richtigen Weg verfolgt (Hier fiinden Sie Teil 1 des Gastbeitrags).

 

Problemlösungen müssen her
Apropos erneuerbare Energien: Geradezu gebetsmühlenartig werden in jeder Diskussion zwei wesentliche, zum Gelingen der Energiewende entscheidende Faktoren wiederholt: Netzausbau und Lösungen zum Speichern von Überkapazitäten. Tatsächlich gibt es Tage, an denen zum Beispiel Windenergieanlagen abgeregelt werden müssen, da Sie mehr Strom erzeugen als das deutsche Netz aufnehmen kann. Derweil muss auch der Offshore-Strom aus den Nordseewindparks irgendwie in den Süden der Bundesrepublik gelangen.

Proteste zahlreicher Bürgerinitiativen gegen sogenannte Monstertrassen ließen nicht lange auf sich warten. Das Bundeskabinett beschloss im Oktober 2015 schließlich um der Akzeptanz in der Bevölkerung Willen und nicht zuletzt auch auf Druck der bayerischen Landesregierung, der unterirdischen Trassenführung beim Netzausbau Vorrang zu geben. Die Lösung des Stromtransports per Erdkabel ist zweifellos die kostenintensivste in der Netzausbaufrage, jedoch kann nach jahrelanger Diskussion nun endlich mit der Planung der Stromautobahnen „Südlink“ und „Südost-Passage“ begonnen werden.

Alles noch zu teuer?
Was tut sich eigentlich im Bereich der dringend gebrauchten Stromspeicher? Überkapazitäten im Stromangebot lassen die Preise an den Strombörsen sinken und was nicht aufgenommen werden kann, wird exportiert. Laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie seien Pumpspeicher hierzulande „derzeit die einzige in nennenswertem Umfang nutzbare Speichertechnik“ und Batteriespeicher „für einen großtechnischen Einsatz noch relativ teuer“. Auch die zur Gewinnung von Windgas geeigneten Power-to-Gas-Anlagen seien „noch teuer“, doch die Forschung und Entwicklung in puncto Energiespeicher, die für das BMWi ein „wichtiges Thema“ sei, stehe im Vordergrund. Tatsächlich kann man der Bundesregierung nicht vorwerfen, sie hätte kein Geld übrig, um die Entwicklung von Speicherlösungen voranzutreiben.

So stellte Sie im Rahmen der „Förderinitiative Energiespeicher“ in der ersten Phase von 2011 bis 2014 Finanzmittel in Höhe von 200 Millionen Euro bereit. Das Ziel liegt dabei vor allem darin, die notwendigen Kostensenkungspotenziale zu erreichen. So weit, so gut. Zum Vergleich: Die ab 2016 vorgesehene, schrittweise Abschaltung von acht antiquierten Braunkohlekraftwerken mit einer Gesamtleistung von 2,7 Gigawatt versüßt die Bundesregierung den Energieriesen RWE und Vattenfall sowie dem Braunkohlenförderer und Kraftwerksbetreiber Mibrag mit ganzen 230 Millionen Euro. Jährlich, über einen Zeitraum von sieben Jahren, versteht sich. Darauf einigten sich die Konzerne im Oktober 2015 mit Wirtschaftsminister Gabriel.

Braunkohle für alle Fälle
Allerdings verläuft dieser kleine Ausstieg aus der Kohle nicht so abrupt, wie man meinen mag. Die Kohlekraftwerke stehen nämlich jeweils für vier Jahre quasi auf Stand-by, damit sie bei eventuellen Versorgungsengpässen einspringen können. Im Oktober 2016 soll der erste Kraftwerksblock vorläufig vom Netz genommen werden, der letzte drei Jahre später. Demnach ist frühestens im Oktober 2023 der letzte dieser acht Kohlemeiler endgültig abgeschaltet. Der Mini-Ausstieg verringert die hiesige Braunkohleleistung um 13 %, doch kostet er den Bund und nicht zuletzt den Stromkunden insgesamt 1,6 Milliarden Euro. Dieses Geld wäre in der Forschung und Entwicklung dringend benötigter Speichertechnologien allemal besser angelegt als in einer Braunkohlereserve.

Ohne Speicherlösungen stehen die Chancen – gelinde gesagt – nicht allzu gut, wie geplant im Jahre 2035 bis zu 60 Prozent und bis 2050 sogar 80 Prozent des deutschen Strombedarfs aus erneuerbaren Energien zu decken. Es erweckt den Anschein, die Verantwortlichen würden der Wissenschaft nicht zutrauen, eine Lösung für das Speicherproblem zu finden. Wasser auf den Mühlen der Zweifler: Zu teuer, zu ineffizient, zu langwierig, schwer umsetzbar. Doch die Menschheit hat es in den 1960er Jahren geschafft, zum Mond zu fliegen und ist heute in der Lage, Ölfelder in bis zu 11.000 Metern Tiefe anzubohren. Wie kann angesichts dessen davon gesprochen werden, dassSpeichertechnologien für die Erneuerbaren nur schwer zu erforschen seien?

Eine Energiewende ohne echten Klimaschutz macht keinen Sinn. Deutschlands Energiepolitik sollte alles daran setzen, die Kohle, an der sie wie an einer Droge hängt, so schnell wie möglich hinter sich zu lassen, wenn sie wirklich eine CO2-Reduktion anstrebt. Gleichzeitig kann die Bundesrepublik mit ihrem Handeln eine weltweite Vorbildfunktion einnehmen. Stattdessen jedoch exportiert Gabriel deutsche Kohlekraftwerkstechnik und entschädigt die Kraftwerksbetreiber hierzulande dafür, dass sie ihre ältesten, schmutzigsten und ineffizientesten Emissionsschleudern freundlicherweise bald vom Netz nehmen.

Das wäre in etwa damit vergleichbar, als würde man Sie für die Abmeldung Ihres vor sich hin rostenden, katalysatorlosen und 14 Liter Bleibenzin auf 100 Kilometer verbrennenden 1974er Opel Rekord finanziell belohnen. Nur, damit Sie ihn vor seiner endgültigen Verschrottung noch für ein paar Jahre in ihrer Garage als Mobilitätsreserve bereit halten. Für alle Fälle, wenn Sie Ihren Bus einmal verpassen sollten.

 

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