Demand Response ist die einfachste Möglichkeit, die Energiewende umzusetzen

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„Stromverbrauch effizient steuern“: Unter diesem Titel veröffentlichte das CleanEnergy Project heute die Ergebnisse seiner aktuellen Umfrage zum Thema Energiemanagement. Nach dem Auswerten der Umfrageergebnisse sprach das CleanEnergy Project mit Thomas Schulz, COO und Vorstandsmitglied des Unternehmens entelios AG. Entelios ist ein Anbieter für Demand Response Management – also dem Regeln von Stromangebot und Nachfrage, um so flexible elektrische Lasten, dezentrale Erzeuger und energetische Speicher auf der Verbrauchsseite nutzbar zu machen.

Thomas Schulz erläuterte im Gespräch, wie Demand Response Management funktioniert und welche Entwicklungen in diesem Bereich zu erwarten sind.

Herr Schulz, wie steht es denn Ihrer Meinung nach um die Stabilität unseres Stromnetzes – müssen wir in Zukunft häufiger mit Ausfällen rechnen? Unsere Umfrageteilnehmer schätzten die Qualität entweder seit Jahren gleichbleibend (48 Prozent) oder als immer schlechter werdend (39 Prozent) ein.

Erstens sind seit der Liberalisierung der Strommärkte Ende der 90er-Jahre die Anreize für langfristige Investitionen in Netze und Kraftwerke gesunken, da der Markt die Strompreise auf Grenzkosten drückt. Wir leben also sozusagen von der Substanz und es wird Zeit für eine weitere Reform. Zweitens erzeugt der eingespeiste fluktuierende Wind- und Solarstrom immer häufigere, steilere und extremere Rampen in der Erzeugungskurve für konventionelle Kraftwerke. Nach einer Hochrechnung des IER der Universität Stuttgart muss der verbleibende Kraftwerkspark bei einem Anteil erneuerbarer Energien von 50 Prozent innerhalb von 15 Minuten bis zu 12.000 Megawatt ein- oder ausschalten. Heute sind es erst 3.000 Megawatt. Wir haben also ein System, dessen Reserven schrumpfen. Die Wahrscheinlichkeit für Störungen steigt signifikant.

Wir haben in der Umfrage mehrere Ansatzpunkte für eine Verbesserung der Stromversorgung beleuchtet. Als Spezialist für Demand Response interessiert uns natürlich Ihre Meinung zu diesem Aspekt. Warum halten sie Demand Response Management für einen erfolgsversprechenden Ansatz?

Bisher konnten Stromkunden in weiten Grenzen soviel Strom verbrauchen wie sie wollten und wann sie wollten. Die Versorger hatten dazu viel teure Reserve ins System eingebaut. Die abnehmenden Sicherheitspuffer erfordern jetzt die Mitwirkung der Abnehmerseite. Wenn viel billiger Wind- und Solarstrom produziert wird, kann mehr verbraucht werden. Und umgekehrt, wenn wenig Strom erzeugt wird, soll die Stromabnahme etwas verzögert werden. Wenn die industriellen Abnehmer in die Lage versetzt werden, auf bestimmte Netzsituationen oder Strompreise sofort zu reagieren, nennen wir das Demand Response. Automatische Demand Response Systeme steuern elektrische Verbraucher, Erzeuger und Speicher. Die Betreiber profitieren dabei durch einen niedrigeren Strompreis oder eine direkte monetäre Vergütung. Demand Response ist eine Smart Grid Lösung, also die Anwendung von Internet- und Softwaretechnologie auf die Energiewirtschaft. Damit ist es die schnellste, einfachste und „grünste“ Möglichkeit, die Energiewende umzusetzen.

Die Umfrageteilnehmer sehen besonders eine fehlende politische Willensbildung und staatliche Förderungsprogramme als möglichen Hinderungsgrund für die Umsetzung von Energie Management Systemen. Stimmen Sie dem zu und welche aktuellen Entwicklungen gibt es hier?

Die USA sind uns zieka sieben Jahre voraus. Der „National Action Plan on Demand Response“ hat alle Beteiligten in der amerikanischen Energiewirtschaft verpflichtet, die Flexibilitäten auf Verbraucherseite nutzbar zu machen. Damit wurde die Grundlage für einen Demand Response Markt gelegt. Wichtige Teilaspekte hierbei sind Kapazitätsmärkte, die Verpflichtung der Energieversorger zur Energieeffizienz und standardisierte Programme und Prozesse. In Deutschland haben wir erst seit Dezember 2013 einen ersten kleinen Schritt getan: Die „Verordnung zu abschaltbaren Lasten“ bezahlt die Größtverbraucher für ihre Bereitschaft, auf Anforderung des Übertragungsnetzbetreibers Hunderte von Megawatt sofort abzuschalten. Dieses Programm muss aber zügig so ausgebaut werden, dass auch das gesamte produzierende Gewerbe teilnehmen kann.

Aus Brüssel kommt die neue Energieeffizienzrichtlinie, die ausdrücklich die Gleichstellung von abschaltbaren Lasten mit erzeugenden Einheiten vorsieht. Deutschland muss jetzt die nationale Gesetzgebung anpassen. Das Tempo hierzulange ist allerdings erschreckend zäh, wenn man es mit anderen Ländern vergleicht. Vom Entschluss, Demand Response einzuführen bis zur Umsetzung verging zum Beispiel in Singapur nur ein gutes Jahr. Von einer Exportfähigkeit deutscher Technologie kann nicht die Rede sein. Die Ausländer agieren einfach in schnelleren Märkten.

Welche Möglichkeiten gibt es, bis solche Gesetzesvorgaben umgesetzt werden?

Der schnellste Ansatzpunkt ist, abschaltbare Lasten in sogenannten „Pools“ zusammenzufassen und gemeinsam in den Reserveenergiemärkten zu platzieren, gleichberechtigt mit Erzeugeranlagen. Hierzu müssten nur wenige Verordnungen angepasst und standardisierte Prozesse vereinbart werden. Weiterhin können Energielieferanten durch Demand Response ihre Ausgleichsenergiekosten minimieren. Eine Anwendung, die auch für die Direktvermarkter von erneuerbaren Energien interessant ist.

71 Prozent der Umfrageteilnehmer halten mehr dezentrale Energieerzeugung für einen vielversprechenden Ansatzpunkt. Was halten Sie davon und welchen Zusammenhang gibt es dabei mit dem Demand Response-Konzept?

Dezentrale Erzeugung, vor allem durch erneuerbare Energien, ist ein Grundpfeiler der Energiewende. Damit sie funktionieren kann, müssen die Überwachung und die Steuerung der Erzeuger, der Verbraucher und der Netze intelligenter werden. Durch dezentrale Erzeugung gibt es auch immer mehr regionale Probleme im Netz, und bisher relativ einfache Ortsnetze werden durch viel Einspeisung plötzlich zu komplexen Systemen. Demand Response, als die Steuerung von dezentralen Anlagen, hilft hier, die Netzstabilität und Stromqualität zu erhalten.

Auf die Frage, ob Industrieunternehmen bereit sind, auf einen flexibleren Energieverbrauch umzusteigen, gingen die Meinungen der Umfrageteilnehmer auseinander. 42 Prozent halten das aufgrund von Kosten und Aufwand für Prozessänderungen für unwahrscheinlich, 58 Prozent sind optimistisch, falls es einen wirtschaftlichen Anreiz gibt. Was denken Sie dazu?

Man muss die verschiedenen Marktsegmente betrachten. Je nachdem wie oft und wie lange die Eingriffe in den Betriebsablauf sind, finden sich sehr wohl viele Industriebetriebe, die bei einigen Anlagen 15 Minuten bis eine Stunde Verzögerungen in Kauf nehmen, wenn die Bereitschaft entsprechend vergütet wird. Durch die intelligente Poolung des Demand Response Anbieters wird die Belastung des einzelnen zudem nach individuellen Regeln vermindert. Wir denken, dass in der deutschen Industrie und dem Gewerbe 9.000 Megawatt an Flexibilität nutzbar gemacht werden können.

Macht es Sinn, Angebote für einen flexibleren Energieverbrauch auch mit Privathaushalten umzusetzen?

Wenn wir nur einen einzigen Schmelzofen in unser Programm aufnehmen, so bringt er leicht 10.000 mal so viel Leistung wie ein Privathaushalt. Die Anschlusskosten liegen dabei nur zehnmal höher, und wir haben keine Probleme mit Verbraucherschutzbestimmungen, Datenschutz und deutschem Eichrecht. Wir konzentrieren uns also zuerst auf die großen Potenziale in Industrie und Gewerbe, bevor in vielleicht fünf bis zehn Jahren einmal die Elektrofahrzeuge an der Reihe sein werden, und erst dann die Haushalte. Übrigens ist mit der (teuren!) Einführung der intelligenten Zähler (Smart Meters) in Haushalten noch lange kein Demand Response Programm verwirklicht.

Vielen Dank, Herr Schulz.

Wibke Sonderkamp

 

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