Cooperativa La Verde – ein Reisebericht

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Eine Woche leben und arbeiten auf einem ökologischen Hof in der Sierra von Cádiz und dabei alternative Lebensformen kennen lernen – dies hat Ann-Morla Meyer im März dieses Jahres erlebt.
Die nicht enden wollende Kälte in Berlin trieb mich Ende Februar in Spaniens Süden. In Cádiz, einer andalusischen Stadt umgeben vom Atlantik, erfuhr ich von der Kooperative „La Verde“ („Das Grüne“) zirka 100 Kilometer nordöstlich von der Stadt. Ich wollte immer schon mal WWOOFFen. Diese umständliche Abkürzung steht für World Wide Opportunities on Organic Farms und umschreibt das Arbeiten auf Ökohöfen gegen Kosten und Logi. Nach einigen Anrufen und Hilfe von den sympathischen Einwohnern von Cádiz (Gaditanos) konnte ich am 8. März den Bus nach Villamartín nehmen. Nach zwei Kilometern Fußmarsch erreichte ich das verwitterte Schild und erblickte einiges, das ich nicht mit Sierra in Andalusien assoziiert hatte : Kakteen überwuchert mit Schnecken, der Fluss über die Ufer getreten, der Weg unpassierbar mit normalem Schuhwerk und alles in einen feinen, grauen Regen gehüllt.

Schon vorher hatte ich gehört, dass auch Andalusien von einem außergewöhnlich schlechten Winter heimgesucht wurde. Hier allerdings konnte ich erfahren, was das – außer schelchtem Wetter – bedeutet. Der Fluss war zwar schon früher über die Ufer getreten, dieses Jahr aber stand zum ersten Mal auch das Haus unter Wasser – und zwar gleich dreimal 30 Zentimeter hoch.

Als ich ankomme liegt eine schwere Melancholie über allen. Der ständige Regen belastet die Leute sehr, doch ich kann erleben wie sie aufblühen, als die Tage besser werden. Endlich können sie versuchen etwas von der Winterernte zu retten und die Felder wieder in Schuss zu bringen. Zur Winterernte gehören in der Regel Porree, Rote Beete, Salat, Zwiebeln, Fenchel, Brockoli, Radieschen und abas, eine Bohnensorte. Doch während der Woche, in der ich da bin, können nur die ersten beiden Gemüsesorten geerntet werden. Der Rest bleibt für den Selbstverzehr. Ich und Manoli, die 40-jährige Freiwillige aus Holland, die hier an den Wochenenden lernt Flamenco zu singen und zu tanzen, lieben es, nach getaner Arbeit über das Feld zu laufen und uns unser Abendessen zusammen zu sammeln. Außerdem kommen in dieser Woche endlich die Setzlinge ins Gewächshaus. Aubergine, Paprika und Tomate werden, neben den produzierten Früchten, Gemüsesorten und den Samen aus der Samenbank, verkauft. Die Samenbank entstand vor ein paar Jahren und weist mittlerweile eine immense Vielfalt auf. Es gibt hier über 50 verschiedene Sorten Salat und über 100 verschiedene Sorten Tomaten.

Die Kooperative „La Verde“ gibt es schon seit 23 Jahren und zwei der Gründungsmitglieder, Enrique und Manuela, arbeiten noch immer hier. In dem „Haus“ oder eher Scheune mit Wohnküche unter Welldach wohnen die Freiwilligen, die wie ich zum Arbeiten auf den Hof kommen.

Bei diesem Wetter ist es kalt und feucht und wenig Licht dringt in den Raum, der mit zwei Doppelstockbetten und einem Regal eingerichtet ist. Hier wird für die heißen Sommermonate gebaut, in denen man sich über einen einigermaßen kühlen Schlafraum und Schutz vor den Mücken freuen wird.

Die vier Kooperativen-Mitglieder, Enrique, Manuela, Fransisco und José, leben in den umliegenden Dörfern. „La Verde“ entstand aus einem gewerkschaftlichen Milieu heraus, das sich der herkömmlichen landwirtschaftlichen Struktur widersetzte. Einigen Großgrundbesitzern gehört die Fläche und die Bäuerinnen und Bauern aus den Dörfern verdingen sich hier. Heute geht nur noch wenig politische Aktivität von „La Verde“ aus, doch sie ist noch immer ein Anlaufpunkt gesellschaftlicher Aktivität in der Gegend.

Dienstags kommen Concha und Lucia, um im Lehmofen ökologisches Sauerteigbrot zu backen. Oder Javier, der 14-jährige Problemjungen aus Deutschland, der hier in Spanien betreut wird, kommt vorbei, um seine ökologisch produzierten Eier abzugeben. Diese Erzeugnisse, sowie die Ernte aus La Verde und anderen Ökohöfen wird gemeinsam über die Cooperativa Los pueblos blancos („Die weißen Dörfer“) in ganz Andalusien vertrieben. Sie liefern zum einen an die Ökoläden und verschicken zum anderen jede Woche mehr als 100 Ökokisten à zwölf Kilogramm Mischware. Manchmal kommen Schulklassen oder Behinderte, um die Natur zu erleben. Und eine Freundin der Kooperative hat die universidad rural gegründet um die Weisheiten der Landwirtschaft zu erfassen und zu bewahren.

Zu meinen Aufgaben gehören Olivenbäume schneiden, Einsammeln von angeschwemmtem Müll und Unkraut jähten bei den Zwiebeln. Was für eine Arbeit! Zwischen mir und den schmalen Zwiebelblättern stehen knapp ein Meter hohe Rapspflanzen und knapp ein Meter breite Distelgewächse. Später bin ich auch beim Ernten der abas dabei und beim Ernten, Schneiden und Waschen des Porrees. Mir schwant, wie viel Arbeit im Ökolandbau steckt.

Was mir außerdem auffällt, ist, dass die Felder auf den ersten Blick hin überhaupt keine Struktur aufweisen. Man geht den Weg zum Haus entlang an einem riesigen Feld voller Unkraut. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass es durchzogen ist von Reihen Salat und Zwiebeln und all dem anderen Wintergemüse. Dazwischen wächst bunt und frisch das Unkraut. Es ist ein gesunder Boden und es tut ihm besser, bedeckt zu sein und so weniger schnell auszutrocknen. Leichter zu erkennen sind die Obstwiesen, wo Pfirsiche und Nektarinen angebaut werden.

Früher wurden die Felder von einem Beregnungscomputer bewässert, doch seit der kaputt gegangen ist und der Installateur nicht mehr hier lebt, wird wieder mit einem von Hand aufzubauenden Rohrsystem und einer alten, einfachen Wasserpumpe bewässert – zumindest solange bis das Wasser im Wasserbassin noch nicht leer ist. Wartung wird hier generell nicht groß geschrieben. Als ich nach einem Schleifwerkzeug für die Astscheren frage, versteht man mich nicht. Auch die Solaranlagen funktionieren nicht mehr. Zwei Photovoltaikanlagen von 1991 und 1998 mit insgesamt zirka 350 Watt sind nicht mehr in Betrieb, weil die Batterie kaputt ging und man heute sowieso ans allgemeine Stromnetz angeschlossen ist. Die Solarthermieanlage aus 2004 lieferte aus dem 200 Liter Speicher noch bis in den November Warmwasser zum Duschen. Doch jetzt scheint ein Loch in einem der Sammelrohre im Kollektor zu sein und die Scheibe beschlägt, wenn der Wasserkreislauf eingeschaltet wird. Die Installationsfirma weiß schon Bescheid und ein solcher Fehler müsste ein Garantiefall sein, doch gekommen ist noch keiner, um den Schaden zu beheben.

So freue ich mich über die spanische Mentalität und kann doch über manches nur den Kopf schütteln. Geblieben ist mir ein lockerer Umgang mit Unvorhergesehenem und ein paar Samen. Jetzt hoffe ich, dass Salat, Radieschen und Co. schon bald meinen Großstadtgarten bewuchern.

Ann-Morla Meyer

 

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