Boomt in Japan bald die Geothermie?

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In Japan schlummert das drittgrößte Geothermie Reservoire der Welt. Das soll nun nach und nach erschlossen werden.

Das Reaktorunglück von Fukushima hat in Japan zwar nicht, wie in Deutschland, zu einem Atomausstieg geführt, allerdings versucht man seitdem auch dort dem Ausbau der Erneuerbaren Energien größere Priorität einzuräumen. Allein in den vergangenen zwei Jahren ging in Japan rund 11 Gigawatt Erneuerbare Energie neu ans Netz – das meiste davon Solarenergie. Künftig soll jedoch auch die Energieerzeugung mit Geothermie, für die es in Japan riesiges Potenzial gibt, deutlich ausgeweitet werden. 380 bis 850 Megawatt Geothermie-Strom wird dort bis 2030 neu installiert werden, schätzt das japanische Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie.

Japan ist eines der am stärksten erdbebengefährdeten Gebiete unseres Planeten. Erst am Wochenende war es bei Tokio erneut zu zwei heftigen Beben gekommen, mit einer Stärke von bis zu 8,5 auf der Richterskala, teilte die japanische Regierung mit. Fast so stark also wie das verheerende Beben 2011, das mit einer Stärke von 9,0 den Nordosten Japans verwüstete und ein dadurch verursachter Tsunami das Kernkraftwerk in Fukushima so schwer beschädigte, dass es dort zu einer Kernschmelze kam. Was folgte, war das größte Reaktorunglück seit Tschernobyl. Ein Unglück, unter dessen Eindruck die Japaner noch heute stehen.

Doch während Deutschland damals der Atomkraft vernünftigerweise den Rücken zukehrte, setzt Japan noch immer auf diese Form der Stromerzeugung – trotz massiver Proteste von Seiten der Bürger. Zumindest versucht man jedoch seitdem, die Abhängigkeit vom billigen und hochgefährlichen Atomstrom zu mildern und fokussiert sich im Zuge dessen verstärkt auf den Ausbau der Erneuerbaren. Vor allem die Solarenergie boomt derzeit in Japan. Allein 2014 gingen dort über acht Gigawatt Solarstrom neu ans Netz.

Es ist jedoch ein anderer Sektor, der in Japan künftig stark an Bedeutung gewinnen könnte. Japan hat aus demselben Grund, der das Land für die Nutzung der Atomkraft zum Risikogebiet macht, die besten Voraussetzungen zur Nutzung von Geothermie, denn es liegt an der geologischen Bruchzone vierer Kontinentalplatten, die sich ständig bewegen und so die häufigen Beben verursachen. Aus diesem Grund gibt es dort derzeit auch über 100 aktive Vulkane. Viele tausend Magmakammern im Erdinneren erhitzen vielerorts Boden und Grundwasser. Ein perfektes Land für die Erzeugung von Strom durch Erdwärme also. Doch während in Japans Innerem Schätzungen zufolge das Potenzial für die Erzeugung von insgesamt 23 Gigawatt Geothermie-Strom schlummern und das Land somit der weltweit drittgrößte Anwender dieser Technologie sein könnte, bezieht Japan lediglich 0,3 Prozent seines Stroms aus dem Dampf aus der Tiefe. Nur 540 Megawatt Leistung waren dort vor der Reaktorkatastrophe 2011 installiert.

Eine Zahl, die sich jedoch bald ändern wird. So plant das japanische Unternehmen Orix, ganze 15 Geothermie-Kraftwerke innerhalb der nächsten fünf Jahre zu bauen, jedes mit einer Gesamtleistung mit rund zwei Megawatt, um die strengen Auflagen zu umgehen, die bei größeren Kraftwerken (ab  sieben Megawatt) in Japan eingehalten werden müssen. Bereits 2014 errichtete die Firma Chuo Electric Power ein zwei-Megawatt-Geothermiekraftwerk im Kumamoto – die erste Anlage mit einer derartigen Kapazität, die in Japan in den vergangenen 15 Jahren ans Netz ging. Auch Chuo plant offenbar den Bau fünf weiterer Anlagen mit rund zwei Megawatt bis zum Jahr 2030. Andere Unternehmen arbeiten derzeit daran, die bereits existierenden Anlagen in Japan zu verbessern. Im März teilte die Firma Idemitsu Kosan Co. mit, ein sogenanntes Binary Cycle Geothermiekraftwerk mit einer Leistung von fünf Megawatt in der Nähe eines 27.5 Megawatt-Geothermiekraftwerks in Südjapan bauen zu wollen. Solche Anlagen können geothermische Vorkommen niedrigerer Temperaturen nutzen und werden oft errichtet, um die Leistung konventioneller Geothermiekraftwerke zu erhöhen.

Möglich machen soll den Geothermie-Boom eine Änderung der Gesetze und Bestimmungen in Japan. Vor Fukushima stand die Geothermie vor einer Reihe großer Hindernisse, erklärt Kasumi Yasukawa vom National Institute of Advanced Industrial Science and Technology (AIST). So lägen etwa 80 Prozent aller potenziellen geothermalen Reservoire in Nationalparks oder seien ausgewiesene und geschützte heiße Quellen. Bislang habe dort nicht einmal geforscht werden dürfen, geschweige denn Kraftwerke gebaut. Ein Jahr nach Fukushima, im Jahr 2012, erleichterte die japanische Umweltbehörde jedoch die Bestimmungen für einige der Standorte.

„Geothermie und geschützte Gebiete zu vereinen war ein sehr großes Problem“, sagte der japanische Umweltminister Goshi Hosono während der Pressekonferenz, bei der die erleichterten Bestimmungen verkündet wurden. „Wir planen, Erdwärme-Kraft nun jedoch ernsthaft zu entwickeln, da die Bedeutung der Erneuerbaren Energien immer mehr zunimmt.“

Im Zuge dessen erhöhte die japanische Regierung 2012 außerdem die staatlichen Fördermittel für Geothermie-Probebohrungen von rund 13.8 Millionen Euro (nach aktuellem Wechselkurs) auf 83 Millionen Euro. Durch diese Maßnahmen will sie mehr Anreiz für Unternehmen schaffen, in diesen sehr vielversprechenden Markt zu investieren. Scheinbar mit Erfolg: Zur Zeit werden an über 40 Standorten in ganz Japan potenzielle Geothermie-Standorte erschlossen, teilte das japanische Umweltministerium mit. Der lange vernachlässigte Bereich Geothermie könnte also nach der Solarenergie der nächste große Erneuerbare-Energien-Sektor Japans werden. Potenzial ist sicherlich genug vorhanden, in einem Land, in dem es 265 Vulkane gibt und das auf dem sogenannten Pazifischen Feuerring liegt. Nun gilt es, dieses Potenzial auch zu nutzen.
 

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