Bohrschlamm – Der Giftmüll unter unseren Füßen

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Umweltschutz - Bohrschlamm
Umweltschutz - Bohrschlamm

In Deutschland lagern in ungesicherten Gruben tausende Tonnen teils hochgiftiger Bohrschlamm. Die Rückstände der Öl- und Gasförderung sind oft mit Schwermetallen und radioaktiven Partikeln belastet. Nach Recherchen von NDR und WDR werden bundesweit etwa 1400 solcher Giftmülldeponien vermutet. Wo genau, ist allerdings selbst den Behörden ein Rätsel. Der giftige Schlamm droht, die umliegenden Böden und unser Trinkwasser zu kontaminieren.

Bohrschlamm entsteht als Abfallprodukt bei der Erdöl- und Gasförderung. Bei den Bohrungen wird eine Flüssigkeit in die Erde gepresst, um den Bodenschlamm an die Oberfläche zu pumpen. Diese Mischung aus Flüssigkeit und Schlamm dient unter anderem als Kühlmittel für den Bohrkopf. Früher wurde eine ölhaltige Flüssigkeit verwendet, die krebserregende Kohlenwasserstoffe enthielt. Mittlerweile kommt zwar meist eine Bohrspülung auf Wasserbasis zum Einsatz, dennoch ist Bohrschlamm auch heute noch mit Schwermetallen wie Arsen und Quecksilber und sogar radioaktiven Partikeln wie Radium 226 belastet. Mehrere hundert Tonnen können je nach Bohrung anfallen.

Bis in die 1970er Jahre wurde die giftige Flüssigkeit meist einfach neben den Förderstätten in Gruben gekippt. So gelangten tausende Tonnen davon in Deutschlands Böden. Nachdem ein Vorkommen erschöpft war, wurden die Gruben versiegelt. So weiß heute niemand mehr mit Sicherheit, wo sich alle „wilden“ Alt-Deponien befinden. Bereits mehrfach wandten sich die Umweltministerien der betroffenen Bundesländer an Augenzeugen und baten um Mithilfe bei der Suche nach den gefährlichen Gruben.

Wie gefährlich der Bohrschlamm für die Gesundheit sein kann, zeigt folgendes Beispiel: Die ARD berichtete von einer LKW-Fahrerin, die über längere Zeit Bohrschlamm zu Deponien transportiert hatte. Die Fahrerin musste nach jeder Fahrt ihren LKW säubern, um wieder für den normalen Straßenverkehr zugelassen zu werden – mit fatalen Folgen. In ihren Brüsten bildete sich ohne Schwangerschaft Milch, zudem litt sie unter Hautausschlag und Haarausfall. Ein Arzt diagnostizierte schließlich eine akute Quecksilbervergiftung. 

Heute gilt Bohrschlamm als aufgrund der Toxizität als “gefährlicher Sonderabfall”, der von den verantwortlichen Unternehmen entsprechend entsorgt werden muss. Das gilt auch für die großen Mengen an unsachgemäß gelagertem Schlamm aus früherer Zeit. Nach Recherchen von NDR und WDR fielen in den vergangenen zehn Jahren allein bei der Sanierung von drei Bohrschlammgruben in Niedersachsen rund 720.000 Tonnen Giftmüll an. In 40 weiteren von den Behörden erfassten Gruben befinden sich noch einmal fast zwei Millionen Kubikmeter giftiger Schlämme. Wie viel davon noch unentdeckt im Boden schlummert ist unklar.

Ende 2015 einigten sich die Industrie und das nieder-sächsische Umweltministerium auf ein umfassendes Programm, mit dem Standorte und Sanierungsbedarf der alten Bohrschlammgruben erfasst werden sollen. Allein in Niedersachsen gibt es nach Angaben des Umweltministeriums mindestens 519 sogenannte „Verdachtsflächen“. In ganz Deutschland werden nach Recherchen von NDR und WDR mehr als 1400 Bohrschlammgruben vermutet. Außer Niedersachsen sind auch die Bundesländer Brandenburg (400 Gruben), Mecklenburg-Vorpommern (345) und Bayern (170) betroffen.

Von den ungesicherten Gruben geht ein potenzielles Risiko für die umliegenden Böden und das Grundwasser aus, warnen bereits seit Jahren zahlreiche Umweltschützer und Bürgerinitiativen. Doch die Industrie scheint sich nicht um die Entsorgung der Altlasten kümmern zu wollen. Zu teuer, zu aufwändig wäre die Sanierung der Gruben und die Endlagerung des anfallenden Giftmülls. Also soll er am liebsten im Boden bleiben. Für die Umwelt und vor allem die Anwohner wäre das jedoch die denkbar schlechteste Lösung.

Quelle: NDR / ARD

 

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