Armutsbericht 2016: Jeder achte Deutsche ist arm

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Armutsbericht 2016
Armutsbericht 2016

Deutschland ist das fünftreichste Land der Welt. Doch beim Großteil der Bevölkerung kommt der vermeindliche Wohlstand nicht an. Die Bundesrepublik verharrt in puncto Armut weiter auf hohem Niveau, schreibt der Paritätische Wohl-fahrtsverband in seinem aktuellen Armutsbericht. Demnach lebe jeder achte Deutsche per Definition unterhalb der Armutsgrenze. Besonders in einigen Bevölkerungsgruppen sei die Armutsquote rasant gestiegen. Der Wohlfahrtverband macht den Bund dafür verantwortlich.

Sieht man sich an, wie es vielen Menschen in Dritte-Welt-Ländern geht, klingt das ganze für viele sicher ein wenig dramatisch: Laut des aktuellen Armutsbericht 2016 des Paritätischen Wohlfahrtsverbands ist weiterhin ein beachtlicher Teil der deutschen Bevölkerung arm. Demnach lebten 2014 15,4 Prozent unterhalb der Grenze der Einkommensarmut. Gegenüber den 15,5 Prozent des Vorjahres ging die Armutsquote damit nur leicht um 0,1 Prozentpunkte zurück. Der Aufwärtstrend der Armutsquote seit 2006 sei damit für 2014 erst einmal gestoppt, schreiben die Autoren. Ob das auch so bliebe, müssten aber erst die nächsten Jahre zeigen. Doch was bedeutet nach der Definition der Wohlfahrtsverbände eigentlich Armut?

Als einkommensarm gelten die deutschen Haushalte, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen müssen. Laut den jüngsten Daten des Mikrozensus gelten damit Singles, die mit weniger als 917 Euro im Monat leben müssen als arm. Alleinerziehende mit zwei Kindern fallen bei einem Monatseinkommen unter 1.467 Euro unter die Armutsgrenze. Bei Paaren mit zwei Kindern liegt die Grenze bei 1.926 Euro.

In vielen Dritte-Welt-Ländern wären Menschen mit so einem Einkommen nicht arm, sondern würden vielerorts sogar als wohlhabend gelten, doch in der EU gelten andere Definitionen von Armut. Arm sind demnach alle, die über so geringe Mittel verfügen, „dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“, heißt es in einem Bericht der EU-Kommission.

Doch auch innerhalb der Mitgliedsstaaten gibt es hier deutliche Unterschiede. In München oder Hamburg zum Beispiel könnte es für einen Single mit weniger als 917 Euro im Monat tatsächlich schwer sein, über die Runden zu kommen. In anderen Teilen Deutschlands, in denen beispielsweise die Mieten geringer sind, reichen 917 Euro vielleicht gerade so. Ein wirklich aussagekräftiges Urteil über die tatsächliche Armut in Deutschland kann der Bericht damit nur schwer bieten.

Dennoch zeigt er, dass einige soziale Gruppierungen besonders von Armut betroffen sind. Auch vergleicht der Bericht anschaulich, wie sich die Einkommen in bestimmten Bundesländern verändern und wo der Trend klar nach unten geht:

Hauptrisikogruppen für Armut seien Alleinerziehende (42 Prozent) und Erwerbslose (58 Prozent). Auch ausländische Einwohner (33 Prozent) müssen meist mit wenig Geld leben. Besonders schlimm seien auch die Rentner betroffen. 15,6 Prozent der Menschen im Ruhestand gelten per Definition als arm. Das ist ein Anstieg von 46 Prozent in den letzten 10 Jahren.

Betrachtet man die einzelnen Bundesländer, war 2014 fast überall ein recht positives Jahr. Während die Armut 2013 fast flächendeckend zunahm, seien die Quoten 2014 in neun Bundesländern gesunken. In Bremen ging die Armut um 0,5 Prozentpunkte zurück, in Mecklenburg-Vorpommern um 2,3 Prozentpunkte. Und zum ersten Mal seit 2006 ging auch in Berlin die Armut wieder zurück – um ganze 1,4 Prozentpunkte.

In Bayern und Nordrhein-Westfalen hingegen, wo zusammen 37 Prozent der Bevölkerung Deutschlands leben, stieg die Armutsquote an. In Bayern nur leicht von 11,3 auf 11,5 Prozent. In Nordrhein-Westfalen galten 17,5 Prozent der Einwohner als einkommensarm – eine Steigerung um 0,4 Prozentpunkte gegenüber 2013. NRW sei damit „das Bundesland, das in der mehrjährigen Sicht die schlechteste Entwicklung aufweist.

Als Grund dafür, warum so viele Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben müssen, sieht der Armutsbericht den Staat und die Politik. Der Verband fordert einen umgehenden politischen Kurswechsel. “Unsere Armutsprobleme sind hausgemacht”, schreiben die Autoren. Die Armut könne nicht bekämpft werden, wenn die politischen Weichen dafür nicht gestellt würden. Laut Verband wären die Lösungswege eigentlich bekannt.

Dazu seien unter anderem Reformen in der Alterssicherung, eine Kindergrundsicherung, eine sanktionsfreie und bedarfsgerechte Grundsicherung für Arbeitslose und öffentlich geförderte Bildungsmöglichkeiten nötig. Das bedeute jedoch Mehrkosten für den Bund. Solange die Bundesregierung diese nicht in Form von Steuererhöhungen und neuen Abgaben finanzieren wolle, werde sich auch an der Armut in Deutschland nichts ändern.

 

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