Architektur – mit oder gegen die Natur?

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Park Royal
Park Royal

Bauernhäuser im schweizerischen Engadin, marokkanische Lehmdörfer oder südostasiatische Pfahlhäuser sind Beispiele für Bauformen, die nie ein Architekt geplant hat und die dennoch, oder gerade deshalb, funktionieren. Denn die Erbauer und Bewohner haben sie nach ihren Bedürfnissen und den örtlichen Gegebenheiten gebaut. Dem gegenüber steht moderne Architektur, die am Reißbrett geplant wurde und völlig losgelöst vom örtlichen Klima oder den Ressourcen Beton-, Glas- und Stahl-Bauten selbst in tropische Regionen pflanzt, deren Fenster nicht geöffnet werden können und die statt dessen mit Unmengen von Energie klimatisiert werden.

Die meisten historischen Bauformen wurden nicht von Architekten entworfen. Die Bewohner, ihre Familie und Nachbarn fanden sich zusammen und bauten nach einer Typologie, die über viele Generationen entwickelt wurde – abhängig von den Bedingungen und Ressourcen vor Ort. Zudem wurden die Bauformen über Jahrhunderte verfeinert und haben sich bis heute als sehr nachhaltig bewährt.

Moderne Architektur ist häufig das genaue Gegenteil. Neben Wirtschaftlichkeit sind schnelle Planung und Bauphasen gefragt. Spektakuläre Fassaden von Stararchitekten scheinen wichtiger zu sein als die Funktionalität vieler Gebäude und die Bedürfnissen ihrer Bewohner. So werden die Bauten häufig zu Designobjekten, die im Volksmund auch hin und wieder als “Architektenfurz“ betitelt werden, wenn sie ganz offensichtlich die Optik über den Nutzen stellen.

Dies betrifft nicht nur Büro- und Wohngebäude in Industrienationen. Der Trend, traditionelle Bauweisen durch moderne Techniken abzulösen, zieht sich bis in abgelegene Regionen und kann verehrende Folgen haben. Der Nepalese Rabindra Puri versuchte viele Jahre lang, seine Landsleute von einer erdbebensicheren Bauweisen zu überzeugen. Doch erst seit der Katastrophe durch ein großes Erdbeben in Bhaktapur, einer Stadt nahe der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu, hört man ihm zu. Sein Jahrhunderte altes Bauernhaus aus Ziegeln und Holz mit kunstvoll geschnitzten Balkonen steht nach dem Erdbeben wie eine Provokation fast unversehrt inmitten der Zerstörung. Plötzlich wollten alle wissen, warum gerade dieses Haus das Beben überstanden hat. Laut Puri begann das Problem für Nepal, als Bauingenieure des Landes im benachbarten Indien und in der Sowjetunion ausgebildet wurden und mit dem unerschütterlichen Glauben an die Überlegenheit von Zement und Beton zurückkehrten, ohne die örtlichen Besonderheiten zu berücksichtigen.

Traditionelle Bauformen und örtliches Know-How einbeziehen

Natürlich gibt es nicht genügend alte traditionell erbaute Häuser, um renovieren statt Neubau als Strategie durchzusetzen. Trotzdem gibt es heute eine Bewegung von Architekten und Bauunternehmern, die dafür plädieren, den traditionellen Evolutionsprozess zum Entwickeln regional orientierter Bauformen zu imitieren. Dazu soll örtliches Know-How, beispielsweise über klimatische Bedingungen und traditionelle Bauformen, berücksichtigt werden, um weniger gegen die Natur anzubauen, als diese mit einzubeziehen.

MASDAR
Traditionelle Windtürme sorgen in MASDAR City für umweltfreundliche Kühlung

Bekannt ist sicher das Vorzeigeprojekt MASDAR, bei dem mitten im Wüstenstaat Abu Dhabi eine ressourcenfreundliche Ökostadt erbaut wurde. Dabei wurden traditionelle Konzepte, wie die Beschattung durch die Anordnung und Gestaltung von Gebäuden, umgesetzt. Windtürme, wie sie schon vor Jahrhunderten von den Persern zur Kühlung errichtet wurden, tragen zur Klimatisierung bei. Moderne Technik, wie Solaranlagen, liefern umweltfreundliche Energie.

Zwar hatten die Architekten in MASDAR ein Luxusbudget zur Verfügung, doch auch bei Bauten mit sehr geringem Budget kommen heute wieder traditionelle Ansätze zum Einsatz. In Burkina Faso stattete der Architekt Francis Kéré einfache Schulbauten aus Lehm mit geschickt angeordneten Luftlöchern aus, sodass die heiße Luft entweicht und dafür kühle angesogen wird. Somit können die Schüler bei einer angenehmeren Temperatur konzentrierter lernen.

Ein Stadtstaat als Belastungstest neuer Bauansätze

Als weiteres Beispiel für neue und „grünere“ architektonische Ansätze gilt ausgerechnet der dicht bebaute Stadtstaat Singapur. Hier leben circa 5,5 Millionen Menschen auf 718,3 km² Fläche. Temperaturen von rund 30 Grad am Tag, hohe Luftfeuchtigkeit und sinnflutartige Regenfällen zur Monsumzeit stellen zusätzliche Anforderungen an die Architektur.

Singapur ist eine der reichsten Städte der Welt. Um eine hohe Produktivität trotz der tropischen Witterung zu ermöglichen wurden daher bisher täglich unfassbare Energiemengen in Klimaanlagen gespeist. Denn hier zeigt sich der Wiederspruch von modernen Stahl, Glas- und Betonbauten mit Fenstern, die man nicht öffnen kann und der hohen Temperatur und Luftfeuchtigkeit.

Doch genau in diesen schwierigen klimatischen Bedingungen haben sich nun erste Bauprojekte bewährt, die zeigen, dass man selbst in engen Metropolen mit einer Kombination moderner und traditioneller Techniken sowie neuer Formen wesentlich umweltfreundlicher und intelligenter bauen kann.

PARKROYAL Umweltschutz
Die nach außen verlegten Gänge des Parkroyal Hotels werden durch Pflanzenvorhänge gekühlt ©Patrick Bingham-Hall/WOHA

Die Fassade des Parkroyal Hotels des Architektenteams WOHA wird immer wieder durch sogenannte Sky Parks durchbrochen. Über satte 15.000 Quadratmeter erstrecken sich die Grünflächen im und am Hotel insgesamt. Die Grünflächen bieten nicht nur Raum für Vögel sondern liefern vor allem Schatten und Sauerstoff. Während des Monsuns helfen die Pflanzen zudem die gewaltigen Regenfälle aufzusaugen und der Regen wird zudem auf dem Dach und über Sammelbecken aufbereitet. Dabei wurden Pflanzen gewählt, die sie sich über die meiste Zeit des Jahres selbst versorgen, sodass wenig Pflegbedarf anfällt. Die Lobby ist zwar klimatisiert aber die Gänge wurden beispielsweise nach außen verlegt und durch Pflanzenvorhänge, Wasserbecken und den Wind gekühlt. In den Zimmern entscheidet der Gast selbst, ob er zusätzlich eine Klimaanlage einschaltet.

Spezielle konzipierte „Monsun-Fenster“, die man auch bei extremen Regenfällen offen stehen lassen kann, helfen bei einem anderen Projekt bei der Belüftung und Kühlung. Für diese Fenster griffen die Architekten auf seit Jahrhunderten bewährte Bauformen der malaysischen Kampung-Häuser zurück. Auch deutsche Architekten wie Christoph Ingenhoven erproben in Singapur grüne Bauprojekte wie die Marina One.

Auch wenn Singapur eine reiche Stadt ist, bei der die Umsetzung neuer Gebäudeformen und experimenteller Bauten sicher leichter zu finanzieren ist als anderenorts, so kann intelligente Architektur, die sich hier bewährt hat, sicher ein Vorbild für die Megacities der Zukunft werden.

Quellen und weiterführende Informationen:
http://future.arte.tv/de/eine-frage-des-gewissens-ingenhoven-und-grune-architektur
http://www.badische-zeitung.de/ausland-1/holz-statt-beton-ideen-fuer-erdbebensicheres-bauen–105123038.html
http://www.woha.net/
http://www.ingenhovenarchitects.com/projekte/weitere-projekte/marina-one-singapore-de-de

 

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