Archive - April 2008

Auf der Energy in Hannover.

Für viele Aussteller ist es schon der letzte Tagder Messe, doch die Energie geht ihnen nicht aus: groß ist der Andrang auf die Stände, vor allem dort wo Erneuerbare Energien das Thema sind. Wie von den Fachmedien angekündigt ist Biogas dieses Jahr einer der großen Hoffnungsträger. Es gibt zahlreiche Veranstaltungen zum Thema, von der Finanzierung der Anlagen bis hin zum Einsatz von Biogas in der Stromerzeugung.

Die größte öffentliche Präsenz zeigt die Schmack Biogas, deren Mitarbeiter mehrere Vorträge zum Biogasmarkt anbieten. Markus Meyr spricht über das große Problem der Branche und zeigt gleichzeitig Perspektiven auf: „Wir müssen raus aus der Nahrungsmittelkonkurrenz.“ Es gäbe genügend Rohstoffe, die nicht essbar sind und sich für die Herstellung von Biogas eigneten. Der Zwischenfruchtanbau, d.h. die Regeneration ausgelaugter Böden durch Pflanzen wie Ralps und Hirse, biete großes Potential für die Branche.

Den schönsten Stand unter den Biogasunternehmen hat Archea, eine kleine grüne Oase in mitten der Alu-und-Plastik-Messeästhetik. Hier kann man im innerhalb von wenigen Minuten einen guten Überblick über die einzelnen Schritte eines Biogasprojekts erhalten – und erfährt nebenbei, dass die Gasausbeute von Archeas Biogasanlagen besonders hoch ist.

Bei Envitec Biogas ist die Internationalisierung der Biogasbranche das große Thema. „80% unserer Besucher sind aus dem Ausland“, so eine Mitarbeiterin. Das verwundert nicht, denn die deutsche Biogasbranche schaut ihrerseits begehrlich auf die Auslandsmärkte, besonders auf die mit landwirtschaftlichen Nutzungsflächen reich gesegneten USA und die ehemaligen Ostblockstaaten.

Am Stand vom Bundesverband Erneuerbare Energie treffe ich einen Herrn, dessen Beratungsbüro den Aufbau von Biomasseheizkraftwerken unterstützt. „Wir sind gerade dabei, Stroh in Heizkraftwerken einzusetzen. Stroh hat das größte ungenützte Potential unter den Biomasseträgern in Deutschland,“ begeistert er sich. In Gedanken sehe ich ein weites gelbes Stoppelfeld vor mir, auf dem sich hunderte von Energy-Ausstellern um das neue Gold Stroh prügeln: hüben die Biosprithersteller von Choren & Co. und drüben die Biomasseverheizer und Biogasproduzenten. Wer wird das Rennen um die Rohstoffe wohl gewinnen? Man kann nur hoffen, dass die Unternehmen sich durchsetzen, die die beste Ökobilanz und den höchsten Energieertrag vorweisen können.

Biomasse, das Gold der Erneuerbaren

Auf der Energy in Hannover. Für viele Aussteller ist es schon der letzte Tagder Messe, doch die Energie geht ihnen nicht aus: groß ist der Andrang auf die Stände, vor...

Energy-Messe, Teil II: Am Stand vom Bundesverband für Erneuerbare Energien (BEE) treffe ich auf Nils Boenigk, Pressesprecher der Informationskampagne Deutschland hat unendlich viel Energie (wenn Sie selber aus der Branche der Erneuerbaren kommen, dürfte Ihnen dieses Projekt bereits bekannt sein). Boenigk erklärt mir das Konzept hinter Deutschlands erstem regenerativen Kombikraftwerk, das am Stand des BEE auf einer Deutschlandkarte in seiner vollen Ausdehnung zu bewundern ist. Das Kraftwerk besteht aus einem Netz von 38 Wind-, Solar-, und Biomasse- und Wasserkraftwerken sowie Pumpspeichern, die über ganz Deutschland verteilt sind. Das Kraftwerk ist eine Initiative der Firmen Enercon GmbH, Schmack Biogas AG und SolarWorld AG und ist ein kleines Wunderwerk der Innovation.

Und das funktioniert so: Windenergieanlagen und Solarmodule speisen je nach nach Wind- und Sonnenenergieaufkommen eine bestimmte Menge an Strom ins Netz ein. Ausgleichend werden Biogas und Wasserkraft eingesetzt: Je nach Bedarf werden sie in Strom umgewandelt, um kurzfristige Schwankungen auszugleichen oder vorübergehend gespeichert. Das regenerative Kombikraftwerk zeigt, wie durch die gemeinsame Regelung kleiner und dezentraler Anlagen bedarfsgerecht und zuverlässig Strom bereitgestellt werden kann.

„Wir können eine sichere Grundversorgung gewährleisten, d.h. wir können garantieren, dass eine fixe Menge Strom jederzeit verfügbar ist,“ fasst Boenigk zusammen. Ein kurzes Statement, das darüber hinwegtäuschen könnte, dass hier ganz großes Energiekino stattfindet: Würde man das Kombikraftwerk in einem Maßstab von 1:10.000 nachbauen, so könnte man den Energiebedarf der Bundesrepublik zu 92% mittels regenerativer Energien decken. "Noch vor einem Jahr haben Regierungsmitglieder auf dem Bundesenergiegipfel verkündet, dass regenerative Energien keine Grundlastversorgung leisten können," sagt Boenigk und lächelt leise.

Es gibt viele solcher Erfolgsstories hier auf der Energy zu entdecken -- Stories, die zeigen, dass rund um den Erdball unter Hochdruck an Lösungen für eine umweltfreundlichere Energieversorgung gearbeitet wird. Schön wäre es, wenn man dies alles in Bilder fassen und einen Film drehen könnte. Einen Film, der zeigt: wir können dem Klimawandel entgegenwirken, eine nachhaltige Energieversorgung schaffen und in vielen Regionen der Welt neues, ökologisch verträgliches Wirtschaftswachstum anstoßen. Vielleicht wird ja der neue Klima-Film von Michael Ballhaus diese Story erzählen?

Grundversorgung mit erneuerbaren Energien?

Energy-Messe, Teil II: Am Stand vom Bundesverband für Erneuerbare Energien (BEE) treffe ich auf Nils Boenigk, Pressesprecher der Informationskampagne Deutschland hat...

Wiedergegeben von Fraz Alt's Sonnenseite.

Benzin vom Acker ist nur ein Teilproblem der gegenwärtigen Hungerkatastrophen, das Hauptproblem ist der Klimawandel, sagt Franz Alt in einem Interview mit der Münchner "tz".

Entwicklungsministerin Heide Wieczorek-Zeul sagt, die Explosion der Lebensmittelpreise ist bis zu 70 Prozent auf die zunehmende Produktion von Biosprit zurückzu­führen. Ist der Klimaschutz schuld am Hunger?

Man darf hier Ur­sache und Wirkung nicht verwechseln. Die Produktion von Bio-Treibstoff ist ein Teilaspekt der jetzigen Hunger-Probleme. Die Hauptprobleme sind erstens, dass die Bauern der Dritten Welt bislang ihre Produkte nicht zu vernünf­tigen Preisen verkaufen konnten - und zweitens der Klimawandel!

Ich habe in Afrika mit eigenen Augen gesehen, wie sich die Wüsten immer weiter ausbreiten.

Trotzdem: Dürfen wir angesichts der weltweiten Hun­ger-Unruhen weiter auf Bio-Sprit setzen?

Natürlich — aber dort, wo die Pflanzen und die Bäume wachsen. Es ist keine Lösung, wenn für deutsche Stadtwerke Biokraftstoffe aus Malaysia importiert werden oder für US-Autos Biosprit aus Brasilien. Das Neue an den erneuerbaren Energien ist doch gerade, dass aus der Region für die Region Energie hergestellt werden soll und nicht Rohstoffe um die ganze Welt gekarrt werden. Öl, Uran und Gas gibt es nur an wenigen Stellen der Welt — die erneuerbaren Energien überall. Also brauchen wir für deutsche Autos Rapsöl, Holz, Gülle oder Mist aus hiesiger Land- und Forstwirtschaft.

Aber auch bei uns steigen die Lebensmittelpreise we­gen des Biosprit-Booms...
Wir haben ja noch immer viele brachliegende Flächen in Deutschland! Es ist intelligenter, dort nachwachsende Rohstoffe anzubauen, als Flächenstilllegungs-Prämien zu zahlen. Aber es ist richtig, dass die landwirtschaftliche Bioenergie-Produktion nicht grenzenlos ausgeweitet werden kann. Wenn wir in Deutschland eine strikte Energie-Einsparpolitik ver­folgen, können wir 25 Prozent der Energie durch heimi­sche nachwachsende Rohstoffe decken. Das Gros der Energie muss aber durch Sonne, Wind, Erdwärme, Wasserkraft und Meeresenergie gewonnen werden.

Die Bauern in der Dritten Welt bekommen zu wenig Geld für ihre Produkte. Sind da die steigenden Lebensmittelpreise nicht sogar gut für die Menschen in den armen Ländern?

Ja! 80 Prozent der Menschen in der Dritten Welt sind Bauern — und sie verarmen, weil sie nicht genug Geld bekommen für die Produkte, die jeder von uns braucht. Ein Deutscher gibt für sein Auto mehr aus als für Essen! Wir werden uns an steigende Lebensmittelpreise gewöh­nen müssen. Die Dritte Welt hungert zum Teil deshalb, weil wir unsere Bauern zu sehr schützen und subventionieren und die Produkte der Dritten Welt durch hohe Zölle verteuern. Da muss mehr freier Markt her.

Müssen Umweltschützer jetzt nicht ihre strikte Ablehnung von Gen-Technik überdenken? So könnten doch die Anbau-Erträge vergrößert werden...

Das wäre genau der falsche Weg. Laut einer Studie der UN-Welternährungsorganisation FAO können durch konventionellen und Bio-Anbau 14 Milliarden Menschen ernährt werden. Ich habe in Indien Bauern erlebt, die mir sagten: Seit wir auf Bio-Anbau umstellten, haben wir drei Ernten im Jahr — vorher hatten wir nur zwei. Der liebe Gott braucht den Nachhilfeunterricht von Gentechnikern nicht! Die Natur weiß es besser.

Was können wir in Deutschland tun?

Das Allerwichtigste ist: mehr Klimaschutz, damit die Wüsten und die Dürren sich nicht noch weiter ausbreiten. Wenn wir nicht auf erneuerbare Energien umsteuern, werden in den nächsten 20 Jahren 200 Millionen Umwelt- und Hunger- Flüchtlinge auf die reichen Länder der Welt zukommen. 

Ist Biosprit-Boom schuld an der Nahrungs-Krise?

Wiedergegeben von Fraz Alt’s Sonnenseite. Benzin vom Acker ist nur ein Teilproblem der gegenwärtigen Hungerkatastrophen, das Hauptproblem ist der Klimawandel, sagt...

Schon lange wussten Fachkreise, dass Spanien's Wind- und Solarenergie eine große Zukunft bevorstünde. Doch wenigen Deutschen ist bewusst, wie schwungvoll das Geschäft mit erneuerbaren Energien in Spanien bereits blüht. Der Diplomingenieur und Architekt Frank Zitzelsberger ist Geschäftsführer der Desarrollos Solares del Mediterraneo S.L., einem Beratungsunternehmen (Projektentwicklung- und Steuerung) für erneuerbare Energien in Südspanien und einem der etabliertesten in diesem Sektor. Seit mehr als zehn Jahren entwickelt Herr Zitzelsberger Projekte und hilft bei der Planung und Konstruktion von Windkraft und Photovoltaikanlagen - von Markt- und Machbarkeitsstudien bis hin zur Ausführung kompletter Projekte.

Herr Zitzelsberger, wie kommt ein deutscher Ingenieur dazu, Energieberatung in Südspanien anzubieten?

Mein Engagement in der Branche für erneuerbare Energien fing vor 8 Jahren an. Damals war ich als Gutachter in Spanien tätig und habe Windkraftanlagen für deutsche Investoren geprüft. Irgendwann habe ich mir gesagt, solche Anlagen kann ich auch selbst planen. Ich habe mit einem kleinen Entwicklungsbüro angefangen, welches sich in den letzten Jahren zu einem mittelgroßen Projektentwickler und Steuerer entwickelt hat. Mittlerweile bieten wir die gesamte Palette in diesem Sektor an, angefangen von juristischer Beratung durch hauseigene Juristen bis hin zur Komplettentwicklung jeglicher Einergiegewinnungsarten in der Erneuerbaren Energie. Wir beschäftigen 15 Mitarbeiter.

Warum hören wir hier in der deutschen Presse so wenig über Spanien's grünen Energie-Boom?

Spanien wird ständig in seiner Wirtschaftsleistung unterschätzt. Das hängt damit zusammen, dass Spanien aus deutscher Sicht unglaublich chaotisch ist. Ständig ändern sich Gesetze und Vorschriften. Spanien ist extrem verwaltungslastig, viel stärker als in Deutschland. Das hört sich seltsam an ist aber definitiv so. Hier steht man sich sehr oft selbst im Weg. Trotzdem wird das Land einer der größten Energiemärkte von Europa werden.

Was treibt dieses Wachstum an?

Das Wind- und Sonnenkraftpotential ist hier riesig, das ist ja bekannt. Dazu kommt, dass Spanien keine eigenen Resourcen hat, kein Öl, Gas, und keine Kohle, und das bei einer Wirtschaft die stark wächst. Der Energiebedarf in Spanien ist gewaltig, in den letzten Jahren ist er in zweistelligen Prozentzahlen gewachsen. Gleichzeitig wurde das Kiotoprotokoll gezeichnet. Das sind Idealvoraussetzungen für einen noch jahrelang boomenden Markt für Erneuerbare Energien.

Spanien hat lange gebraucht, bis es sich für die Erneuerbaren Energien erwärmt hat. Dabei gibt es hier vielmehr Sonne und Wind als in anderen europäischen Ländern. Warum der lange Schneewittchenschlaf?

Einer der Gründe ist die bereits erwähnte komplexe Verwaltungsstruktur in Spanien. Das lähmt extrem. Auf der anderen Seite musste das „Bewusstsein" erst einmal geschaffen werden, dass der Strom nicht einfach nur aus der Steckdose kommt. Man muss bedenken, das es die „grüne Bewegung" , welche in Deutschland das Thema Erneuerbare Energien vor mehr als zwei Jahrzenten angeschoben hat, im Spanien im Grunde nicht extisitiert. Hier ist die Eneuerbare Energie vor allem ein Business und nicht politisch motiviert. Um zum Business zu werden musste aber erst administrative Weichen gestellt werden, und das dauert in Spanien ein wenig.

In Deutschland wurde kürzlich die E10-Vorgabe für Biosprit gestoppt. Aktuell ist die Solarenergiebranche in der Kritik, man hört von Subventionsvorwürfen und Jobflucht ins Ausland.

Das scheint ein deutsches Phänomen zu sein: Die besten Entwicklungen hervorzubringen und sich dann gnadenlos selbst zu zerfleischen. Das mutet sehr eigenartig an, vor allem wenn man als Deutscher im Ausland lebt. Das versteht außerhalb von Deutschland niemand. Man ist stolz auf das, was man entwicklet hat, und trägt das auch so nach außen. Die Deutschen sollten bei diesen Entwicklungen den Weltmarkt im Auge haben, denn nur das, was wirklich im eigenen Land erprobt ist, lässt sich international gut vermarkten. Da ist enormer Lernbedarf zu sehen, denn im Erneuerbaren Energiesektor ist Deutschland kaum zu schlagen. Aber wir müssen aufpassen, nicht nur als Erfinder aufzutreten, sondern müssen die ganze Wertschöpfungkette mitnehmen. Sonst macht das Geschäft ein anderer.

 Birte Pampel

Andale! Arriba! – Spanien’s Erneuerbare Energien-Branche macht Tempo

Schon lange wussten Fachkreise, dass Spanien’s Wind- und Solarenergie eine große Zukunft bevorstünde. Doch wenigen Deutschen ist bewusst, wie schwungvoll das...

Martin Unfried spielt in der Band „Ökosex“, schreibt eine gleichnamige Kolumne für die TAZ und ist eigentlich beruflich seriöser Experte für europäische Umweltpolitik am europäischen Institut für öffentliche Verwaltung in Maastricht. Mit seinen Texten und Liedern über Biosprit aus Salatöl, über CO2-Sünder unter den deutschen Eliten, rebellische Stromwechsler und den Sex-Appeal von umweltfreundlichen Produkten setzt er in der Klimaschutz-Debatte einen neuen Ton: nicht Verzicht und Zukunftsangst, sondern Erfindergeist und Lust sind die Kräfte, die in seinen Texten und Liedern mitschwingen.

Dieser Beitrag ist der erste in einer Reise von Porträts mit dem Titel „Klimaschutz-Stars“ – Menschen im In- und Ausland, die die Energiewende mit neuen Ideen und explosiven Gedanken vorantreiben.

Sie sprechen von sich selber manchmal als der „heitere Klimafreak“ – wie kamen Sie auf diesen Namen?

Das hängt mit dem Bild des Ökos in der Öffentlichkeit zusammen. Einer der völlig verbissen anderen den Sportwagen verbieten und das Leben insgesamt vermiesen möchte. Das Bild war schon immer verzerrt, ist aber heute mehr denn je Quatsch.

Leute die in Passivhäusern wohnen und Sparautos fahren sind heute Avantgarde in Architektur und Fahrzeugdesign. Wer keinen Atomstrom zuhause hat, ist heute einfach ein Konsumtrendsetter und kein Verzichtsprediger. Die heutigen Ökos stehen für faszinierende technologische Innovation und zeitgemäße Produkte. Interessanterweise sind sie die Technikoptimisten von heute, die auch stilsicher wissen, dass ein Apple-Notebook und Atomstrom nicht zusammenpassen.

Sie haben beruflich viele Berührungspunkte mit der europäischen Energiepolitik. Am 8. Juli wird das Erneuerbare Energien-Gesetz zum zweiten Mal novelliert. Welche Entwicklungen sind von EU-Seite für das EEG zu erwarten?

Jetzt geht’s zur Sache in Brüssel, es wird im Rat entschieden, wie die Lasten beim europäischen 20% CO2-Minderungsziel verteilt werden. Es liegt ein Vorschlag für eine Richtlinie zu den Erneuerbaren vor, die genau beschreibt, was jeder Mitgliedsstaat bringen muss. Das deutsche EEG ist im Moment jedoch nicht von Veränderungen bedroht, da die Bundesregierung und viele andere Regierungen, die ähnliche Regelungen haben, hier massiv Druck ausgeübt haben. Das wäre auch merkwürdig, denn viele EU-Staaten haben das deutsche Einspeisegesetz zum Teil übernommen. Interessant wird das Thema Biokraftstoffe. In der Novelle wird festgelegt, wie viel CO2 der Treibstoff künftig einsparen muss.

Sie haben zum Thema Biokraftstoffe einen Beitrag in der TAZ veröffentlicht, der einen starken Kontrast zur derzeitigen Medienresonanz differenziert und mäßigend wirkte.

Die Biokraftstoffdebatte verlief bis vor zwei Jahren relativ positiv, danach ist sie wegen entsprechender Studien umgeschlagen. Auf einmal sind Biokraftstoff das größte Übel der Menschheit! Ich denke, es ist gut, dass wir die Probleme der Biokraftstoffproduktion ansprechen. Es kann nicht sein, dass wir an einem Ende der Erde mit sauberem Sprit fahren und auf der anderen Seite Wälder abholzen. Aber wir sollten die Diskussion um Nachhaltigkeit auch auf andere Bereiche ausdehnen. Zum Beispiel hätte man schon lange einen Nachhaltigkeitscheck für Mineralölprodukte einführen können.

Das ist leider von der Bundesregierung nicht gewollt worden. Statt die Kraftstoffbranche insgesamt sauberer zu machen hat man die Biodieselsteuer eingeführt – die viele Unternehmen zerstört hat. Dahinter stand die Idee, dass man durch die Einführung der Beimischungspflicht viele Steuerausfälle spart. Das hat dazu geführt, dass es keinen 100% Bodiesel mehr gibt und dass wieder einmal die großen Konzerne den Markt dominieren.

Sie sind einer der energischsten Verfechter von Solarstrom. Was genau möchten Sie den Konsumenten vermitteln?

Es geht mir nicht nur darum, dass wir nur noch Energiesparlampen einsetzen oder anderweitig Strom sparen. Es geht auch darum, dass der Durchschnittsverdiener seinen ökologischen Spielraum ausnutzt indem er zum Beispiel seinen Strom vom Ökoanbieter kauft oder noch besser, einfach selber herstellt. Natürlich habe ich ein Photovoltaikdach in Deutschland, denn die Photovoltaik ist ein faszinierendes Produkt. Wir müssen vor allem weg vom Gedanken der Stromversorgung. In einer künftigen denzentralen Energiewirtschaft kann jeder Konsument und Produzent sein. „Stromkunden in die Produktion“ scheint mir daher als emanzipierter Bürger die schlüssige Antwort auf den Unwillen einiger Konzerne. Wenn die die Energiewende nicht machen, dann müssen die Bürger das selbst machen. Ich beteilige mich in diesen Tage wieder an einer Windmühle. Mit 5000 Euro Einsatz bin ich dann mit meinem Anteil verantwortlich für 10000 Kilowattstunden umweltfreundlich produzierten Strom Jahr. Das entspricht dem, was drei Haushalte im Jahr verbrauchen. Und das ist ein solides unternehmerisches Engagement mit Rendite. Allerdings sieht man hier auch ein Problem: Die Rendite einer Windanlage kommt eben nicht an die absurden Renditen von abgeschriebenen Kohle- und Kernkraftwerke ran. Es sind also auch die absurden Renditeerwartungen der Energieversorger, die Klimaschutz verhindern.

Warum ist die Zahl der Strom-Wechsler derzeit noch relativ klein?

Bei den Mainstream-Konsumenten fehlt ein bisschen der Hype, die emotionale Aufladung, die ein Produkt begehrenswert macht. Nehmen Sie die Photovoltaik: das ist ein tolles Produkt, besonders im Vergleich zu einem Braunkohlekraftwerk, wo die Stromerzeugung mit vielen Emissionen verbunden ist und die Energie über weite Strecken transportiert werden muss. Trotzdem gilt es nicht als sexy, ein Solarstromdach auf dem eigenen Haus zu installieren. Es ist immer noch sexier, mit der Größe des eigenen Autos anzugeben.

Dazu kommt das Problem mit dem Label „Öko“: wen ein Produkt bisher ein Öko-Image hatte, dann war das für den Mainstream ein Problem. Ein 3-Liter-Auto wurde als Angriff auf unseren Lebensstil gewertet. Es geht also hier um ein kulturelles Problem. Wir können aber ein Produkt wie die Photovoltaik nicht breit vermarkten, ohne breite öffentliche Akzeptanz zu bewirken.

Woher könnte diese Akzeptanz kommen?

Das ist wohl nicht anders als bei anderen Produkten und Lebensstiltrends in der Konsumgesellschaft. Es würde gut tun, wenn sich erst eine gesellschaftliche Avantgarde, eine Konsumavantgarde etabliert, die dann den Mainstream mitzieht. Es gibt die Passivhaus, Windkraft, Solar, Fahrrad/Carsharing Gruppe in der Gesellschaft, sie hat aber leider noch keine so große Ausstrahlung in den Medien, da insbesondere die Medieneliten noch nicht dazu gestoßen sind. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten in Deutschland übrigens auch nicht.

Die USA haben Al Gore, Brad Pitt und Arnold Schwarzenegger. Gibt es auch in Deutschland „Klimaschutz-Stars“ oder Energie-Helden? Wer könnte diese Rolle spielen?

Das ist tatsächlich eine gute Frage. Warum sind die deutschen Stars hier so zurückhaltend? Es gibt tatsächlich keinen Prominenten in Deutschland, der mit seinem Elektroauto, seinem Plusenergiehaus oder seinem Windpark angibt. Die Umweltverbände beklagen seit langem, dass es extrem schwierig sei Prominente in Sachen Klimaschutz an Bord zu bekommen. Ganz banal hat es damit zu tun, dass viele deutsche Promis bei Auto oder Atomkonzernen bereits unter Vertrag sind. Heidi Klum bei Volkswagen, Franz Beckerbauer bei der EnBW, Bayern München bei Audi (etc.) und Sabine Christiansen bei Mercedes. Ich hoffe zum einen, dass die aufstrebenden Konzerne der Energiewende wie Solarworld oder Enercon (Wind) bald in der Lage sind, sich ein paar A-Promis zu kaufen. Und dass sich doch ein paar engagierte Promis finden, die Freude an anderen Produkten und einem anderen Lebenstil haben. Vielleicht ist es ja Zeit für so manches Coming-Out.

Interview mit Martin Unfried, Ökosex-Kolumnist und Solarstrom-Verführer

Martin Unfried spielt in der Band „Ökosex“, schreibt eine gleichnamige Kolumne für die TAZ und ist eigentlich beruflich seriöser Experte für europäische Umweltpolitik am...

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