Smart Grid

Grundlage ist die Machine-to-Machine-Kommunikation

Im Gespräch mit CleanEnergy Project unterstreicht Jürgen Brieskorn, Leiter Produkt Strategie, Siemens Enterprise Communication, dass das Geschäftspotential von Smart Grid um ein Vielfaches höher sein kann, als das des klassischen Internets. Aus seiner Sicht ist das automatisierte Abfragen und Auswerten von Daten aus Messinstrumenten oder Gebäudeanlagen der nächste Schritt in der Kommunikation über Datennetze und IT-Infrastruktur. Nach seiner Darstellung arbeite Siemens Enterprise Communication an einer Geschäftsfeldanalyse und an einer Smart Grid Strategie für den Einstieg in diesen Bereich.

Herr Brieskorn, ist die Digitalisierung von Stromnetzen – „Stichwort Smart Grid“ – ein Bereich in dem Siemens Enterprise Communications Lösungen anbieten wird?

Wir sind so aufgestellt, dass wir vor allem Kommunikationslösungen für Voice und Unified Communications anbieten. Strategisch entwickeln wir uns auch in Richtung Machine-to-Machine-Kommunikation.

In unserer Planung haben wir beispielweise eine Smart Grid Infrastruktur oder Home-Gateways, die die von Ihnen angesprochenen Lösungen mit abbilden.

Für einen Unternehmenskunden könnte es so aussehen, dass wir über beliebige Netzinfrastrukturen die Daten sicher aus allen digitalen Messgeräten eines Unternehmens einsammeln, sie auswerten und diese Informationen weiterschicken – etwa an die Betriebsleiter, an Versorgungunternehmen oder die Netzbetreiber. Bis heute ist dies nicht Bestandteil unseres Portfolios. Dieses ist dann auch in beliebigen mobilen Szenarien möglich.

Wie ist der logische Weg des Smart Grid als ein Thema der Energiebranche in die strategische Planung eines Unternehmens für IT-Infrastruktur?

Historisch kommen wir aus der Sprach-Kommunikation.

Mit Hinblick auf Unified Communications ist die Kommunikation von Maschinen ein nächster logischer Schritt. Smart Metering ist im Sinne der Kommunikation von Maschine zu Maschine ein neues strategisches Feld, dem wir uns stellen wollen.

Gibt es in Ihrem jetzigen Portfolio bereits Beispiele für Lösungen der Kommunikation von Maschine zu Maschine?

Aktuell – Nein. Bis jetzt haben wir keinen Bereich, den wir abdecken. Aber es steht bei uns in der strategischen Roadmap.

Wenn wir über Machine-to-Machine reden – in welchem Bereich außer dem angesprochenen Smart Grid und dem Energiebereich sind diese Anwendungen sinnvoll?

Das geht aus unserer Sicht weit aus dem Bereich Informationstechnologie hinaus und – zum Beispiel – hinein in das Facility Management. Dort wollen die Besitzer von Immobilien die Anlagen steuern, regeln, automatisieren.

Machine-to-Machine hat also nicht nur mit der Energie zu tun. Aber das Ganze ist nur sinnvoll, wenn im Netzwerk Sensoren installiert sind. Die nehmen an bestimmten Stellen Ereignisse auf, die sie an „intelligente“ Applikationen melden. Die Applikationen treffen Entscheidungen, um die Abläufe innerhalb eines Gebäudes zu sichern oder zu verbessern. In diesen Bereich wollen wir uns bewegen.

Bild: SiemensSehen Sie bei Ihren jetzigen Kunden Potential, um diese Themen zu adressieren?

Im Moment wird dieses Thema noch nicht aktiv von Kunden bei uns angefragt. Unsere Kundenanfragen beziehen sich natürlich auf die Kommunikation zwischen Menschen. Aber es ist der Ausgangspunkt für ein neues Geschäft, wir können auf diesem Markt ein wichtiger Player werden.

Welche anderen Unternehmen sehen Sie auf dem Markt?

Alle Unternehmen die ein starkes Standbein in der IT-Infrastruktur haben. Wir sehen Hersteller, die aus der Informationstechnologie kommend in den Bereich Voice eingetreten sind und von hier aus – wahrscheinlich zwangsläufig – weiter in die Machine-to-Machine-Kommunikation gegangen sind oder gehen werden.

Auf dem Smart Grid Markt gibt es anscheinend zwei entgegengesetzte Positionen. Die Stromnetzbetreiber beschweren sich, weil – aus deren Sicht – keine IT-Lösungen bereitstehen. Andererseits sind die IT-Hersteller sehr vorsichtig in den Bereich Smart Grid zu gehen. Sie sagen, sie sehen kein Geschäftsmodell und keine Möglichkeit einen ROI zu berechnen.

Wir haben ebenfalls Geschäftsfeldabschätzungen gemacht. Und wir haben uns die Piloten angesehen, die im Moment gefahren werden.

Tatsache ist: Wir sehen ein Potential. Unsere bisherigen Analysen zeigen, dass im Zuge der erneuerbaren Energien und der Dezentralen Erzeugung große Änderungen in der Infrastruktur nötig werden. Es wird sicherlich für die Kunden und Verbraucher, die sich an das Smart Grid anschließen, ein Nutzen vermittelbar sein. Von daher sehe ich schon ein großes Infrastrukturfeld, in das wir Komponenten und Lösungen liefern können. Unsere Arbeitshypothese werden wir aber durch weitere Untersuchungen erhärten müssen.

Auf welche Branche und auf welche Kunden fokussieren Sie?

Einerseits sind wir auf der Suche nach Geschäftskunden. Beispielsweise Bestandskunden, für die wir bereits die gesamte Struktur für Informationstechnologie und für Kommunikation zur Verfügung stellen. Das können wir auf Machine-to-Machine-Kommunikation erweitern. Wir können hier Messgeräte und Sensorik integrieren und Smart Grid Gateways installieren. Wir bieten also für unsere Kunden ein „One Stop Shopping“ an, egal für welche Kommunikationsform sie Komponenten oder Lösungen brauchen.

Zweitens können wir im Bereich Professional Service unseren Beitrag zum Thema Smart Grid leisten: Beratungsleistungen für Unternehmen, die die großen Netze betreiben und verwalten müssen. Security spielt da eine große Rolle, hier sehen wir ein interessantes Feld, um Beratungsleistungen und Managed Service Leistungen anzubieten.

Haben die Kunden die Möglichkeiten, das gesamte Smart Grid bei Ihnen zu kaufen?

Wir sind der Anbieter der Lösungen für den Firmenbereich. Wir sehen uns nicht in dem Bereich, in dem die Energieversorger eine große, flächendeckende Infrastruktur ausbauen wollen.

Die Kunden sind Stromverbraucher aus der Industrie oder dem Facility Management…

Ja, das ist richtig. Wir bedienen den Stromverbraucher und bauen hier das Smart Grid auf. Das könnten Kunden sein, für die wir bereits die gesamten Kommunikations- und Voice-Netzwerke betreiben. Diese Netzwerke können wir auf Smart Grid ausbauen und um den Anschluss an die großen Versorgungsnetzwerke erweitern.

Die IT-Hersteller sehen besondere Schwierigkeiten mit den Schnittstellen der Geräte der Anlagenbauer beispielsweise im Bereich des Gebäudemanagements.

Wir sind da in der Planungsphase, aber wir sehen, dass diese Schnittstellen standardisiert werden müssen. Da werden Protokolle definiert werden, die offen zugänglich sein müssen.

Was sind die nächsten Schritte? Wann wird Siemens Enterprise Communications tatsächlich ein Produkt oder eine Lösung vorzeigen können?

Die Validierungsphase dauert bis zum frühen Herbst.

Wir gehen davon aus, dass das Geschäftspotential von Smart Grid um Potenzen höher sein kann, als das des klassischen Internets. Natürlich sind wir zuversichtlich, dass wir ein Geschäftsmodell entwickeln können, mit dem wir an diesem Markt eine wichtige Rolle spielen werden.

Herr Jürgen Brieskorn, Leiter Produkt Strategie, Siemens Enterprise Communication, während des CleanEnergy Roundtables in BerlinUnter der Annahme, dass wir einen Business Case sehen und zu einer positiven Entscheidung für Smart Grid kommen, werden wir die ersten Produkte Anfang des kommenden Jahres anbieten. Im Januar können wir genau erklären, für was wir uns entschieden haben und wie wir auf dem Markt für Smart Grid auftreten werden. Dann können wir eine verbindliche Roadmap präsentieren.

Können Sie sich denn vorstellen ein Stromnetz zu besitzen, das Sie mit Hilfe der Smart Grid Technologien im Auftrag Ihrer Kunden betreiben?

Nein, auf Grund unserer Geschäftssituation und unserer Größe und unserer Strategie werden wir eine solche Lösung nicht anbieten. Das wäre sicher etwas für größere Unternehmen, die auf dem Strommarkt zu Hause sind. Solche Anbieter haben ganz andere Möglichkeiten, in dieses Geschäft einzusteigen. Unsere Grenzen sind sehr deutlich in der On-Premise-Welt. Wir sehen uns als Zulieferer von unterstützenden Technologien, Lösungen und Beratungsleistungen für solche Energieunternehmen.

Herr Brieskorn, vielen Dank für das Gespräch.

Christian Raum

Tags Geschäftsmodelle | IKT | Siemens | Smart Grid | Stromnetz Kategorien Cleantech Interviews Datum Dienstag, den 02. August 2011 um 18:03 Uhr Autor Gast Beitrag

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

* = Pflichtfeld
Hinweis: Um Kommentare zu abonnieren, müssen Sie angemeldet sein.

 
Cleantech Jobs in Dänemark