Umweltpolitik

Das digitale Zeitalter braucht eine Effizienzrevolution

Von Sigmar Gabriel

Mit dem ITK-Volumen steigt auch der Energie- und Ressourcenverbrauch und stellt die Umweltpolitik vor neue Herausforderungen. Förderprogramme des Bundes helfen Unternehmen bei der Umstellung auf eine „Green IT“ und stärken damit innovative Technologien.

Wir stehen im Jahr 2009 vor einer doppelten strukturellen Herausforderung: Zum einen müssen wir die globale Wirtschafts- und Finanzkrise bewältigen. Die Verwerfungen auf den Finanzmärkten haben längst die Realwirtschaft erfasst. Weltweit muss fast flächendeckend mit einer tiefgreifenden Rezession gerechnet werden. Zum anderen verändern sich weitere Rahmenbedingungen des Wirtschaftens. Der Klimawandel und das Bevölkerungswachstum, die Endlichkeit fossiler Brennstoffe und der globale Energiehunger, die Preisexplosionen an den Rohstoffmärkten und der Verlust an Biodiversität – all diese Entwicklungen lassen weder unsere Ökosysteme unberührt noch unsere Wirtschaft.

Aber: Die Konjunkturkrise und das Erreichen der ökologischen Belastungsgrenzen können und müssen der Startpunkt sein für eine umfassende und nachhaltige Erneuerung auf allen Ebenen, die insbesondere auf eine Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz setzt.

Hierzu kann die moderne Informations- und Kommunikationstechnik (ITK) wichtige Beiträge leisten. Durch eine intelligente Steuerung von Stromnetzen, Autos oder Gebäuden oder indem Verkehr durch Telearbeit, Telefon- und Videokonferenzen überflüssig wird, lassen sich Ressourcen und das Klima schützen. Gerade bei Servern und Rechenzentren gibt es auch gesamtwirtschaftlich relevante Effizienzpotentiale. Aufgrund des rasant wachsenden Energie- und Materialbedarfs der ITK ist der Handlungsbedarf hier besonders groß.

Hierzu einige Fakten, die diesen Handlungsbedarf im Hinblick auf eine nachhaltigere Entwicklung sehr treffend verdeutlichen:
- Nach neuesten Studien betrug der ITK-bedingte Stromverbrauch in Deutschland im Jahr 2007 etwa 55 Milliarden Kilowattstunden. Das sind 10,5 Prozent des gesamten Jahresstromverbrauchs. Die Zunahme des Datenverkehrs, der Geräte und der damit einhergehenden Rechen- und Speicherleistung lassen bei gleichbleibender Entwicklung bis 2020 eine Steigerung um 20 Prozent auf jährlich 67 Milliarden Kilowattstunden erwarten.
- Die Anwendungen in den privaten Haushalten haben einen ITK-bedingten Stromverbrauch von knapp 60 Prozent. Ohne Gegensteuerung wird der Anteil von gegenwärtig rund 27 Milliarden Kilowattstunden auf 40 Milliarden Kilowattstunden im Jahr 2020 steigen. Hier spielen Fernseher und Computer mit immer größer werdenden Displays, die Zunahme von Audio- und Video-Daten sowie die Interaktivität und Personalisierung von digitalen Dienstleistungen eine bedeutende Rolle.
- Die Informations- und Kommunikationstechnik verursachte allein in Deutschland im Jahr 2007 einen Ausstoß von rund 33 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2). Es wird geschätzt, dass ITK mit derzeit weltweit rund 2,1 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen mit rund zwei Prozent bereits das Niveau der globalen CO2-Emissionen des Flugverkehrs erreicht hat.
- Der spezifische Energiebedarf von Servern und Rechenzentren lag in Deutschland im Jahr 2008 bereits bei über zehn Milliarden Kilowattstunden. Dies entspricht einer Jahresstromproduktion von fast vier mittelgroßen Kohlekraftwerken. Und der Bedarf steigt weiter. Ein durchschnittlicher Server verbraucht derzeit zirka 400 Watt, viermal so viel wie vor zehn Jahren. Ohne besondere Anstrengungen zur Energieeffizienz wird der Energieverbrauch von Rechenzentren im Jahr 2010 bei über zwölf Milliarden Kilowattstunden liegen. Die damit verbundenen Stromkosten belaufen sich auf rund 1,1 Milliarden Euro.

Hinzu kommen produktbezogene Aspekte:
- Ein PC enthält über 1.000 verschiedene Stoffe, von denen viele wertvoll sind (zum Beispiel Kupfer, Gold und das knappe Tantal), aber viel zu selten systematisch und umweltverträglich recycelt werden.
- Die Produktion nur eines PC mit Monitor verbraucht rund 5.300 Kilowattstunden Strom. Das ist mehr als der durchschnittliche jährliche Energieverbrauch einer deutschen Kleinfamilie, der bei rund 3.000 Kilowattstunden liegt. Für denselben PC mit Monitor werden zudem 1.500 Liter Wasser und 23 Kilogramm verschiedener Chemikalien aufgewendet.

Die Zahlen belegen, dass die ITK besonders relevant für den Energie- und Materialverbrauch ist und dementsprechend einen großen Beitrag zu mehr Energie- und Ressourceneffizienz leisten sollte und auch kann. Die Einsparpotentiale sind enorm: Die Wirkungskette beginnt bei der Software, läuft über die Hardware und die Stromversorgung bis hin zur Gebäudeplanung und Kühlung. Mit energieeffizienter Technik, die bereits heute verfügbar ist, lassen sich bis 2013 insgesamt 15,3 Millionen Tonnen CO2 vermeiden. So könnten allein die Betreiber von Rechenzentren in den kommenden Jahren insgesamt 3,6 Milliarden Euro an Stromkosten einsparen. Aber auch ein einzelner sehr effizienter PC, zum Beispiel ausgezeichnet mit dem Blauen Engel, spart gegenüber einem ineffizienten Gerät zwischen 50 und 70 Prozent Strom.

Cover: ITK-Kompendium 2010; Quelle: F.A.Z.-Institut

Vor diesem Hintergrund hat das Bundesumweltministerium im Rahmen seiner ökologischen Industriepolitik „Green IT“ zu einem programmatischen Schwerpunkt gemacht und unter anderem den Förderschwerpunkt „IT goes green“ aufgelegt, um die großen Einsparpotentiale in diesem Feld zu heben. Ziel dieser Initiative ist es, einen Wettbewerb um innovative Technologien und Verfahren in Gang zu bringen, deren Markteinführung zu beschleunigen und durch zielgruppenorientierte Kommunikation Multiplikatoren und Nachahmer zu finden. Für die Förderung kommen unter anderem moderne Rechenzentrumsinfrastrukturen und der Einsatz von Thin-Client-Technologien in Betracht. Das Bundesumweltministerium stellt für Pioniere, die in innovative Informations- und Kommunikationstechnik investieren, Fördermittel aus dem Umweltinnovationsprogramm bereit.

Um eine Breitenwirkung zu erzielen, können vor allem kleine und mittlere Unternehmen im ERP (European Recovery Program)-Umwelt- und Energieeffizienzprogramm zinsgünstige Kredite für Vorhaben erhalten, mit denen erprobte Ansätze eingeführt werden. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, Zuschüsse für qualifizierte und unabhängige Energieeffizienzberatungen in Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft und für Freiberufler in Anspruch zu nehmen.

Durch die Beratung sollen Schwachstellen bei der effizienten Energieverwendung aufgezeigt und Vorschläge oder konkrete Maßnahmenpläne für energie- und kostensparende Verbesserungen gemacht werden. Detailinformationen für Anwender in Unternehmen, Behörden und Organisationen gibt kostenfrei und herstellerneutral das hierzu bei Bitkom eingerichtete Beratungsbüro „Green IT“.

Die Bundesregierung hat sich im November 2008 zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2013 den durch den Betrieb von ITK verursachten Energieverbrauch um 40 Prozent zu senken. Deshalb investiert sie innerhalb des Konjunkturpakets II 100 Millionen Euro in Maßnahmen des Bundes. Mit Blick auf die Rechenzentren ist das Bundesumweltministerium vorangegangen: Es hat Erneuerungsmaßnahmen genutzt, um den Stromverbrauch seines Rechenzentrums um rund 60 Prozent (70.000 Kilowattstunden) zu reduzieren. Das entspricht einer Senkung des CO2-Ausstoßes um rund 44 Tonnen.

Das Thema „Green IT“ ist aber nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Verringerung des Stromverbrauchs und der Treibhausgasemissionen von zentraler Bedeutung. Ich bin überzeugt, dass man mit ressourceneffizienten ITK-Infrastrukturen und -Geräten auch die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stärken und damit auch Beschäftigung sichern und schaffen kann.

Unser gemeinsames Ziel sollte es deshalb sein, die ökonomischen und ökologischen Herausforderungen in positive Synergien umzuwandeln, die die Ressourceneffizienz steigern, natürliche Ressourcen schützen, Kosten senken und Innovationen hervorbringen. Die Umweltpolitik leistet dazu ihren Beitrag, indem sie die richtigen Rahmenbedingungen und Anreize setzt. Dazu gehören ambitionierte Standards, Förderprogramme oder die Stärkung einer umweltfreundlichen Beschaffung.

Das Konzept, das dahinter steht, ist eine ökologische Industriepolitik, die zu einer „grünen Transformation“ der gesamten Wirtschaft und aller Branchen führt. Entscheidend ist die Neuorientierung nicht nur der Güter-, sondern auch der Arbeits- und Finanzmärkte. Was wir brauchen, sind „smart Investments“, also Maßnahmen, die Deutschlands langfristige Wachstumschancen verbessern und gleichzeitig den ökologischen Druck mildern.

Auszug aus "ITK-Kompendium 2010 - Expertenwissen, Trends und Lösungen in der Informations- und Kommunikationstechnologie". Das erstmals veröffentlichte ITK-Kompendium 2010 informiert fundiert und übersichtlich über aktuelle Branchentrends sowie richtungsweisende technologische Entwicklungen und Managementstrategien. Es erläutert, an welchen Innovationen Forschung und Wissenschaft arbeiten, welche Lösungen die Anbieter bereithalten, wie Analysten und Verbände das Potential der Branche einschätzen und mit welchen Initiativen die Politik die digitale Zukunft der Märkte in Deutschland und Europa vorantreibt.

Das ITK-Kompendium 2010 ist eine Publikation des F.A.Z.-Instituts, herausgegeben von Marlene Neudörffer. Es im September 2009 erschienen, umfasst 328 Seiten, Hardcover und kostet 38,00 Euro inklusive Mehrwertsteuer und Versand (ISBN-13: 9783899817317).

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