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Norwegens CO2–Speicher unter der Nordsee

Norwegens CO2–Speicher unter der Nordsee
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Finnland hat Holz und Nokia. Schweden hat Autos und Ikea. Und Norwegen? Norwegen hat, neben seiner wunderschönen Landschaft, vor allem Energie. Seit vielen Jahren schon versorgt Norwegen den europäischen Strommarkt mit Wasserkraft. Diese regenerative Energiequelle ist in Norwegen so ergiebig, dass das ganze Land komplett ohne Atom- und Kohlekraftwerke auskommt (mit Ausnahme eines Kohlekraftwerks, das die abgelegene Inselgruppe Spitzbergen versorgt). Der ein oder andere mag sich so den ökologisch korrekten Himmel auf Erden vorstellen: tolle Landschaft, gesunde Natur, schwindelig hoher Lebensstandard, allgemeiner Wohlstand.

Norwegens beachtlicher Wohlstand basiert nun aber unter anderem auf dem Erdöl und Erdgas aus der Nordsee. Das Land fördert etwa drei Prozent des weltweiten Erdöls und ist sogar nach Russland der zweitgrößte Gaslieferant der Welt. Ein riesen Geschäft für ein Land mit nur knapp fünf Millionen Einwohnern. Und wenn es ums Geld geht, dann ist auch erst mal Schluss mit öko: Denn das lukrative

Geschäft mit diesen fossilen Energieträgern, die maßgeblich für Luftverschmutzungen und den globalen Klimawandel verantwortlich sind, will sich die Norwegische Regierung auch künftig nicht entgehen lassen. Aber sie will das Image dieser überholten Energien reinwaschen: Die Zauberformel heißt hier CCS, Carbon Capture and Storage oder, zu Deutsch, CO2-Abscheidung und -Speicherung. Bei diesem Verfahren wird das Klimagas CO2 aus den fossilen Energieträgern abgetrennt und dann gespeichert, sodass es in der Atmosphäre keinen Schaden anrichten kann.

So weit so bekannt: An diesem Verfahren versuchen sich schließlich auch andere Länder seit Längerem mehr oder weniger erfolglos. Tatsache ist, dass CCS bis heute keine erwähnenswerten Beiträge zur CO2-Reduzierung leistet und dass sich dies auch in den nächsten Jahren nicht ändern wird. Norwegen versucht es nun aber noch eine Nummer hartnäckiger als andere Länder. Man erhofft sich schließlich ein Milliardengeschäft. Hinter vorgehaltener Hand träumt man hier schon von CO2-Pipelines, die, ähnlich wie Gaspipelines, CO2 aus ganz Europa nach Norwegen leiten. Die Einlagerung würden sich die Norweger dann natürlich entsprechend vergüten lassen.

Noch münden diese Träume aber in einem rostigen Rohr mitten in der Nordsee. Nur mit dem Hubschrauber oder einem Spezialschiff erreicht man die schwimmende Erdgasplattform Sleipner, aus der das eine Ende dieses Rohrs heraus ragt. Das andere Ende liegt tief unten, ungefähr einen Kilometer unter dem Meeresgrund in einer porösen Sandsteinschicht. Diese Schicht ist wie ein riesiger Schwamm: Sie ist bis zu 400 Kilometer lang und theoretisch groß genug, um die gesamte Menge CO2 aufzusaugen, die in den kommenden 500 Jahren in ganz Europa produziert wird. Und dieser unterirdische Speicher ist auch schon in Betrieb: Ungefähr 1,4 Millionen Kubikmeter des klimaschädlichen CO2 wird hier am Tag durch das rostige Rohr geleitet. Das macht etwa eine Million Tonnen im Jahr.

Bereits seit 1996 forscht die Norwegische Regierung auf der Förderinsel Sleipner an dem CCS-Verfahren. Viel CO2 ist seitdem in diese Anlage geleitet worden und auch viele Steuergelder. Aber auch nach 13 Jahren gibt es noch reichlich Forschungsbedarf: Noch immer ist unklar, ob die Gesteinsformationen das Klimagas dauerhaft halten können. Durch die komplexen tektonischen Prozesse der Erdkruste kann es prinzipiell immer zu Verschiebungen, Faltungen und Brüchen in den Gesteinsschichten kommen. Die unterirdischen Temperatur- und Druckverteilungen können sich ändern, Hohlräume können kollabieren, Risse und Spalten können sich bilden, Wasser kann eindringen und mit dem CO2 zu einer Säure reagieren. Es erscheint grundsätzlich fraglich, ob das Langzeitverhalten eines so komplexen dynamischen Systems wie die Erdkruste überhaupt vorhersehbar und kontrollierbar ist.

Woran erinnert einen das alles noch gleich? Ach ja: An die Atomkraft. Auch hier sucht man ja seit vielen Jahren mit viel Steuergeld nach dem unterirdische „Endlager“, in das man seine Altlasten stopfen und dann einfach vergessen kann. Aber weltweit gibt es trotz der intensiven und kostspieligen Bemühungen nach wie vor kein einziges Endlager für hoch radioaktiven Atommüll. Und auch das Norwegische CO2-Endlager ist noch weit davon entfernt, aus dem Forschungsstadium raus zu kommen. Die Frage erscheint naheliegend, ob das viele Geld und all die Mühen nicht besser in Energiewandlungstechniken investiert wären, bei denen man seinen Nachfahren gar nicht erst kritische Altlasten vererben muss. Norwegen könnte da beispielsweise seinen Technologievorsprung in der Wasserkraftnutzung ausnutzen und damit einen wirklich umweltfreundlichen Beitrag zur globalen Energieversorgung leisten.

Das CCS-Verfahren ist auf Dauer keine ernst zu nehmende Umweltoption. Das wird ziemlich schnell deutlich wenn man mal genauer hinguckt: Das Verfahren ist teuer und energieintensiv, es kann die Emissionen des Verkehrs nicht einbeziehen, es hinterlässt kaum kontrollierbare Altlasten und es bremst den Ausbau der erneuerbaren Energien, indem es überholte Strukturen künstlich am Leben erhält. CCS ist nur ein neues Geschäft, das ein altes Geschäft reinwaschen soll. Das grüne und sympathische Norwegen sollte sich dies eingestehen und sein Öko-Image nicht weiter mit dieser gigantischen Klimagasblase aufs Spiel setzen.

Stefan Heimann

Autor Stefan Heimann Erstellt am Donnerstag, 19. November 2009

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